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Nach Daniel Sterns bahnbrechendem Werk über Die Lebenserfahrung des Säuglings (1985) ist nunmehr ein weiterer Meilenstein der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie erschienen: Peter Fonagy und seine Mitarbeiter haben Aufsätze, die bisher in verschiedenen Zeitschriften und Büchern publiziert wurden, zu einem Ganzen integriert, und man kann mit Fug und Recht sagen, daß das Ganze hier mehr ist als die Summe seiner Teile. Erst in diesem Opus Magnum wird der rote Faden sichtbar, der die bisher verstreuten Theorieteile miteinander verbindet. So ist ein Buch entstanden, das in jeder Hinsicht das Epitaph »Magnum« verdient: Die Breite des Horizonts ist atemberaubend, die Darstellung der vielfältigen Forschungsbefunde aufregend, die Integration in einen theoretischen Rahmen beeindruckend. Das Buch, das mittlerweile durch zwei weitere ergänzt worden ist (Fonagy u. Target 2003; Bateman u. Fonagy 2004), kann auch Skeptiker davon überzeugen, daß die Psychoanalyse alles andere als veraltet ist.
Kapitel 1 befaßt sich mit einer Klärung des Mentalisierungskonzepts und grenzt es von anderen verwandten Konzepten (Selbstreflexion, Introspektion) ab. Die Autoren greifen die entwicklungspsychologische »Theory of Mind«-Debatte auf, in der es u. a. um die Frage geht, wann und wie Kinder entdecken, daß sie selbst und andere Wesen mit mentalen Zuständen sind. Erwachsene sind keine Behavioristen, sondern Mentalisten, insofern sie sich eigene und fremde Handlungen durch die Attribution seelischer Zustände erklären. Ab wann nun und vor allem wie entwickeln kleine Kinder ein solches Verständnis von sich und anderen Personen? Mit neun Monaten kann man erste Anzeichen dafür beobachten, und über verschiedene Entwicklungsstadien hinweg wird mit ungefähr fünf Jahren ein Verständnis des Seelenlebens erreicht, das in etwa dem Erwachsener entspricht. Die Autoren bezeichnen die Fähigkeit, den Anderen (und die eigene Person) als Wesen mit geistig-seelischen Zuständen zu verstehen, als Mentalisierung.