You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Läßtsich aus Freuds letztem Werk Der Mann Moses und die monotheistische Religion ein Konzept ableiten, das den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern einer Lösung näherbringt? Edward Saidscheint eszu glauben, und in einem Vortrag, den er kurz vor seinem Tod im Jahr 2003 gehalten hat, macht er den Versuch dazu.
Said folgt der Annahme Freuds, daß Moses ein Ägypter gewesen sei, und er gewinnt daraus eine entscheidende Erkenntnis. Im Kern des Judentums finde sich ein fremdes Element, und das sieht er als eine Konstante der Identitätsbildung an. Sie könne nur stattfinden, wo ihr ein Anderer gegenübersteht: »Identität kann nicht allein durch sich selbst gedacht oder durchgearbeitet werden. Sie kann sich nicht selbst erschaffen oder auch nur erdenken« (S. 68). Freuds Buch über Moses mache deutlich, daß dem Judentum noch eine zweite, nicht-jüdische Identität eingeschrieben sei, und diese These führt Said am Ende seines Vortrags zu einer Frage: »Kann sie je die nicht ganz so heikle Basis eines binationalen Staates in einem Land der Juden und Palästinenser bilden, in dem Israel und Palästina Teile sind statt Gegner ihrerjeweiligen Geschichte und zugrundeliegenden Wirklichkeit?« (S. 69.)
Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß der Frieden im Nahen Osten Edward Said am Herzen gelegen hat; mit Daniel Barenboim z. B., dem in Israel aufgewachsenen Pianisten und Dirigenten, organisierte er Musikveranstaltungen, an denen junge Israelis und Palästinenser teilnahmen. Zugleich konnte er nicht darauf verzichten, den 1948 vertriebenen arabischen Flüchtlingen wieder einen Zutritt zu ihrer verlorenen Heimat zu verschaffen, und ein binationaler Staat im heutigen Israel mußte ihm daher als Lösung einer ausweglosen Situation erscheinen.
Kann sich diese Lösung auf eine Freud-Lektüre stützen, wie sie in diesem Vortrag versucht wird? Mit Moses erkennt Said ein ägyptisches Element im Kern der jüdischen Identität und sieht darin eine Gemeinsamkeit, die den Ausgleich zwischen Israel und seiner ar