You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In seinem Buch-Essay hat Eickhoff das neue Buch von Frau Grubrich-Simitis mit großer Feinheit und Genauigkeit dargestellt. Dazu ist nichts hinzuzufügen. Aber er hat die Frage offen gelassen, ob die zentralen Ausführungen wirklich zutreffend sind. Und diese Frage scheint mir für einen Punkt ziemlich wichtig zu sein, nämlich für die These, die Grubrich-Simitis aus dem Buch von F.-J. Verspohl übernimmt. Danach soll der Ausdruck der Gestalt des Mose von Michelangelo wesentlich dadurch geprägt sein, daß Mose vorher von Gott die Mitteilung seines nahen Todes erhalten habe. Diese Interpretation prägt die letzten Kapitel ihres Buches, und wenn sie sich als unwahrscheinlich erweisen sollte, müßte manches vielleicht anders geschrieben werden.
Die Frage ist keine Spitzfindigkeit, sondern sie betrifft die Deutung der Mose-Statue des Michelangelo in ziemlich entscheidender Weise. Deren Deutungsgeschichte - Eickhoff referiert sie genau - ist geprägt durch eine zunehmende Annäherung an den entscheidenden biblischen Text. Hatten J. Burckhardt und S. Freud den Mose des Michelangelo noch im zornigen Gegenüber zum »Goldenen Kalb« und damit im 32. Kapitel des 2. Buches des Mose gesehen, so setzte sich allmählich die Einsicht durch, daß das nicht stimmen könne. Mose trage bereits die Hörner, die er erst im 33. Kapitel, beim 2. Aufstieg, erhalten habe, als er die neuen Gesetzestafeln an Stelle der zerbrochenen ersten erhielt. Verspohl hat nun angenommen, und Grubrich-Simitis ist ihm darin gefolgt, daß Gott dem Mose bei diesem zweiten Aufstieg den baldigen Tod verkündet habe. Daraus ließen sich entscheidende Merkmale der Plastik erklären.
Diese Deutung, genauer: Vermutung halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Ich möchte deshalb ausführlich meine Argumentation darstellen, die sich ausschließlich auf den biblischen Text stützt.1 Das tut nun freilich auch Verspohl. Der Vers, der seine Argumentation am besten trägt, viel besser als derjenige, den er selber dafür zitiert, ist Deut. 31,14a. Da