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Lange hat die Psychoanalyse dem Affekt Scham kaum Beachtung geschenkt. Der Überich-Begriff entwickelte sich vor allem, um unbewußtem Schuldgefühl, Selbstbestrafung und moralischem Masochismus ein kon-zeptuelles Gerüst zu verleihen, und dies natürlich im Rahmen der Strukturtheorie und der unzweifelhaften Zentralität des Konfliktbegriffs. Dann ereignete sich vor etwa 20 Jahren eine fast vollständige Umkehrung. Eine Anzahl von Büchern erschien, die sich nun zwar ganz auf das Schamerlebnis konzentrierten, doch oft in interpersonalen und sozialen Zusammenhängen und mit spezieller Beachtung der frühkindlichen Entwicklung, ohne sich noch sonderlich um Konflikt- oder Strukturtheorie zu kümmern; die Fragen von Überich und innerem Konflikt oder von Masochismus überhaupt rückten ganz in den Hintergrund, wie es dem allgemeinen Abrücken vom Konfliktverständnis, dem Intrapsychischem und der immer stärkeren Betonung des Interpersonell-Intersubjektivem und der korrektiven Erfahrung und Internalisierung entsprach. Doch auch hier ergänzen sich die Gegensätze. In unserem gesamten Gebiet können wir sehen, wie sich auf manchen Ebenen eine solche Dialektik feststellen läßt: Realität der Beziehung gegen-über Übertragung und Als-Ob, Analyse der Übertragung gegenüber Aufmerksamkeit auf die Geschichte von Trauma und Konflikt, Befriedigung gegenüber Versagung und Neutralität, Einsicht gegenüber Suggestion und Psychagogik, Defekt gegenüber Konflikt und die umfassende Frage von Psychoanalyse gegenüber Psychotherapie. Sehr viele Modeströmungen nehmen einen Pol aus diesen Gegensatzpaaren und vernachlässigen den anderen - in den letzten Jahren besonders dramatisch die fast ausschließliche Betonung der Übertragungsanalyse, wie ich dies namentlich in Deutschland beobachten kann, unter Vernachlässigung