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Die christliche Mythologie beginnt im Paradiesmythos der Genesis mit dem Sündenfall und der Beschämung der ersten Menschen. Die Geschichte, die uns die Bibel über Schuld, Strafe und den Beginn des Erdenlebens mit der Scham erzählt, enthält einige wichtige
Komponenten, die sich dem Leserin ihren systematischen Bezügen erst nach Lektüre des Buches Das Drama der Scham auftun.
Ausgehend von Sartres Diktum in Das Sein und das Nichts, daß Scham nur in bezug auf die anderen und durch den Blick der anderen entstehe, sichten die Autoren zunächst intersubjektive Schamphänomene aus Alltag und Literatur, um sie dann zu kategorisieren.
Hier kristallisierte sich eine bestimmte Unterscheidung heraus, die in der bisherigen Literatur zur Scham zu wenig oder gar nicht beachtet wurde. Sie macht es möglich, zwei Typen von Scham zu beschreiben:
Der erste Typ fußt auf der Enthüllung und Entblößung des Beschämten. Etwas, was bisher verborgen war, tritt ans Licht, wird öffentlich. Hanno Buddenbrook, zum Beispiel, der vor der Festge-meinde ein Gedicht nicht aufsagen kann und damit enthüllt, daß er dem Ideal seines Vaters, ein »richtiger« Buddenbrook zu sein, nicht entspricht. Ein bis dahin geachteter Offizier, der von seinen Kameraden bei homosexuellen Handlungen mit seinem Burschen überrascht wird, oder ein Junge, der den gemeinsamen Schatz der peer group räubert und dabei von den Freunden erwischt wird.
Bei diesem ersten Typus, den die Autoren als pudor denudationis, die Scham der Enthüllung, bezeichnen, ist der Beschämte das passive Opfer einer plötzlichen und unerwarteten Aufdeckung eines bisher Verborgenen. Dem geht voraus, daßder Beschämte zuvor et was verhüllen, etwas verbergen wollte, der Beschämte ist also nicht nur Opfer. Es trifft ihn der Vorwurf der wissentlichen Täuschung anderer, weil er vorgibt, sich an deren Normen oder Ideale zu halten, sie jedoch heimlich unterläuft.
Der zweite Typus hingegen wird vom Beschämten aktiv hervorgerufen. Er geht von einer Selbstüberschätzung aus.