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Der erste Schritt der Emanzipation war die Befreiung - eine Befreiung von vorgegebenen Normen, Lebensstrukturen und einem Wertekorsett, dessen Einschnürung immer intensiver erlebt und weniger toleriert wurde. Zu Freuds Zeit hatte eine Avantgarde um diese Befreiung gekämpft; in den 1960er Jahren wurde sie allgemein und ergriff von der sexuellen Liberalisierung über die Kleiderordnung, die Kindererziehung bis zur Enthierarchisierung der Arbeitswelt alle Lebensbereiche; heute leben wir in einem Zustand danach. Doch zeigt sich nun, im Rückblick auf die letzten Jahrzehnte, daß damit noch überhaupt nicht alles geschafft war. Das befreite Subjekt wurde mit einer neuen Aufgabe konfrontiert: sich selbst als souveränes Individuum herauszubilden.
Ein zweiter Schritt der Emanzipation wurde notwendig, und wer dies nicht einsah und einsieht, der scheitert an ihr. Zunehmend wird deutlich, welcher Anstrengung es bedarf, ein souveränes Individuum zu werden und zu bleiben: Initiative und Leistungskraft zu entwickeln, persönliche Ziele und Befriedigungen zu finden, an der eigenen Individualität in ihrer unverwechselbaren und vielleicht sogar herausragenden Gestalt zu arbeiten, sein Leben, seine Beziehungen und den passenden sozialen Kontext zu prägen, im Beruf kommunikativ, kreativ, verantwortungsfreudig und erfolgreich zu sein.
Die Anforderungen an das Subjekt sind gestiegen. Damit hat sich auch die Gefahr des Scheiterns vergrößert. Was ist, wenn die persönliche Gestaltungskraft zu gering ist oder versagt? Wenn die souveräne Selbstentfaltung nicht oder nur vorübergehend gelingt? Wenn das Subjekt mutlos wird und aufgibt? Die depressive Erschöpfung droht heute jeden zu ergreifen. Der Schatten der Depression weist auf die Kehrseite der Freiheit und der neuen Entfaltungsmöglichkeiten. Die Depression verkörpert das Unzulängliche. Sie zeigt die Angst an, unfähig zum Leben zu sein. Sie symbolisiert das Unbeherrschbare im Zeitalter einer Illusion, daß in der Persönlichkeitsentfaltung alles mög