You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Julia Kristevas psychoanalytische Monographie Soleil noir. Dépression et mélancholie ist 1987 in Paris bei Gallimard erschienen. Sie wurde 1989 ins Englische übersetzt und hat bislang keinen Verleger im deutschen Sprachraum gefunden. Schon der Titel und der Untertitel des Buches bringen die Gegenposition zur aktuellen klinischen Psychologie und zur modernen Psychiatrie zum Ausdruck. Der Begriff der Melancholie ist aus dem klinischen Vokabular nahezu verschwunden und durch deskriptive Klassifizierungen wie »affektive Störung«, »depressive Episode«, »Dysthymia« usw. ersetzt worden. »Melancholie« steht im Gegensatz zu »Depression« für eine nosologische Einheit, eine umrissene Erkrankung mit charakteristischer Genese, Struktur und Dynamik. An diese Tradition, die bis in die antike Medizin der Humoralpathologie zurückreicht, schloß Freud mit seinem Aufsatz »Trauer und Melancholie« an. Das Wort Depression hingegen hat in den Gesammelten Werken lediglich symptombeschreibende Bedeutung. Es beschreibt dort den wahrnehmbaren Zustand der Niedergeschlagenheit. Kristevas Gebrauch des Begriffs Melancholie ist eine epistemische Positionierung, die sich in Spannung zur empiristischen Wissenschaftsauffassung bringt, in deren Fahrwasser sich der klinische Siegeszug der Kategorie Depression vollzieht (vgl. J. Radden, From melancholic states to Clinical Depression, New York 2000). Im Verlauf ihrer Erörterungen schlägt Kristeva in »Freudscher Perspektive« den Begriff »melancholisch-depressiver Komplex« vor, dessen Ursache hinter dem weitverzweigten Erscheinungsbild in einer »idiosynkratischen Reaktion auf den Objektverlust und im Scheitern des Signifikanten« besteht (S. 20; hier und im folgenden Übersetzung von L.B.). Der schöne, spannungsvolle Titel Soleil noir ist dem Gedicht »El Desdichado« von Gérard de Nerval entnommen. Mit der Wahl ihres Titels nimmt die Autorin eine geisteswissenschaftlich-literarisch-künstlerische Tradition auf, die seit jeher eine innige Beziehung ihrer Geistes