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Dieses Buch des Psychiaters, Kinderpsychiaters und Psychoanalytikers Gerhardt Nissen ist die weltweit erste chronologische Darstellung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen von der Antike bis zur Gegenwart.
Das Buch ist zugleich eine Kulturgeschichte. Im Laufe der Jahrhunderte fand ein ständiger Paradigmenwechsel (Götter und Dämonen, Erbsünde, Masturbation, Degeneration und anderes mehr) statt, an dessen Stelle später Anlage, Umwelt und organische Ursachen traten. Nissen weiß diese Epochen anschaulich darzustellen. Dazu gehört, daß er neben den Erkenntnissen der Epochen auch ihre Irrtümer und Irrwegeskizziert und nicht nur mit den jeweils herrschenden Lehrmeinungen, sondern auch mit den Biographien und Abbildungen ihrer führenden Vertreter bekannt macht. So vermittelt die Lektüre beeindruckende Begegnungen.
Im Kapitel »Psyche, Ärzte und Medizin im Altertum« wird besonders auf das Werk von Hippokrates (ca. 466-ca. 377 v. Chr.), Platon (427-347 v. Chr.) und Aristoteles (384-322 v. Chr.) eingegangen. Hippokrates beschrieb das Gehirn als Sitz psychischer Störungen. Für Platon war der Körper ein Kerker, in dem die Seele herrscht, Gedanken, die sich sowohl in seinem berühmten »Höhlengleichnis« als auch in Freuds Instanzenmodell (Über-Ich-Ich-Es) wiederfinden. Der Arzt Galenus aus Pergamon (129-199 n. Chr.), neben Hippokrates der bedeutendste Arzt des Altertums, hinterließ das umfangreiche anatomische Werk »Ars medica«.
Im Mittelalter und auch noch in der im 15. Jahrhundert beginnenden Renaissance führten Dämonen- und Hexenwahn zu Teufelsaustreibungen und Exekutionen. Während Krankheiten unbekannter Ursache in einer rationalen Welt als ungeklärt und als noch nicht erforscht hingenommen werden, wurden sie in dieser Epoche, in der die Existenz von Teufeln und Hexen als selbstverständlich galt, als das Werk von Dämonen verstanden. Andererseits begann mit Paracelsus von Hohenheim (1493-1521) und Felix Platter aus Basel (1536-1614) eine Abkehr von den angeschuldigten