You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Wer »68« an Demonstrationen teilnahm, erlebte regelmäßig, wie ältere Männer am Straßenrand den Protest mit wilden Haßtiraden begleiteten. Indem sie hemmungslos aus sich herausschrieen, daß das protestierende »Kommunistenpack zu vergasen, mit Flammenwerfern zu verbrennen oder mit dem Panzer platt zu walzen« sei, offenbarten sie — wie in Trance —, was sie in Wirklichkeit als Soldaten gewußt, selbst getan oder mitgetragen und immer zu verleugnen gesucht hatten. Ganz offen gaben sie preis, daß ihre mörderischen Tendenzen noch immer lebendig, nach dem Krieg gar nicht untergegangen waren. In ihren Affektstürmen machten diese Alten zugleich publik, daß ihr vernichtender Haß sich auch »gegen die eigenen Leute«, die eigenen Kinder richten konnte und immer gerichtet hatte. Offenbar hatte er überlebt, in den friedlichen Zeiten sich lediglich zurückgezogen, in das, was man als kindsmörderische Krypta bezeichnet hat. Der Tod von Benno Ohnesorg warf dann, in einem kritischen Moment der Protestbewegung, ein Schlaglicht auf diese Tendenzen, und er macht mehr als vieles andere deutlich, daß »68« auch als ein in der Nazizeit wurzelnder Generationskonflikt tödlicher Qualität zu verstehen ist. In aktuellen Rückblicken bleibt das völlig unberücksichtigt, und damit fällt wieder unter den Tisch, daß »68« ein gesellschaftsanalytischer und für die Jugendlichen selbst ein von einer alten Drohung befreiender Akt war. Was vor allem am Ende des Krieges in Deutschland passierte, ließ die Soldatenkinder am eigenen Leibe erfahren, daß es ihre Väter waren, die das »Vaterland«, das Zuhause, der Verwüstung und dem Untergang überließen, die eigenen Kinder und Frauen auf traumatisierende Weise tödlichen Verhältnissen preisgaben. Wie idealisiert die Vaterbilder ursprünglich auch immer gewesen sein mochten, unumgänglich mußte das in ihren Köpfen auch die Vorstellung eines bedrohlichen Vater-Kriegers wecken, der seine Familie nicht nur nicht mehr zu schützen vermochte, sondern dessen aggressive Impulse s