You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
»Lebenszyklus« ist ein Begriff, mit dem in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts Erik H. Erikson und Theodor Lids die Gesetzmäßigkeiten von Entwicklung und Reifung im Lebenslaufe erfaßten und der auch im Titel des Sonderhefts der PSYCHE vom September/Oktober 2002 erscheint. Das gleiche Phänomen nannte C. G. Jung »Individuationsprozeß«, wobei er aber vor allem die zweite Lebenshälfte im Auge hatte. Dieser im Unbewußten ablaufende Prozeß zeige sich in Traumsymbolen. Derartige Symbole fand Jung in den Bildergeschichten der alchemistischen Traktate (die der Psychoanalytiker Herbert Silberer schon 1914 interpretiert hatte). Er deutete sie als Darstellungen des Indviduations-prozesses.
Der dänische Psychologe Johannes Fabricius geht in seiner Neudeutung der Alchemie von »Freuds Konzept des Unbewußten« aus und stellt die Bildergeschichten in »einen biopsychologischen Bezugsrahmen«. Unter Individuationsprozeß versteht Fabricius die Entwicklung, die mit der sexuellen Reife beginnt: Viermal erlebe der Erwachsene in seinem Lebenslauf eine Krise. Auf die »Jugendkrise« folgt das »Erwachsenenalter«. Die Krise der »Lebenswende« führt zum »mittleren Lebensalter«, die Krise der »Wechseljahre« zum »späteren Lebensalter«. Das »Alter« mündet nach einer letzten Krise in »Abgeklärtheit und die Bereitschaft zum Tode«. Jedesmal geschehe eine Auflösung der alten Identität, ver-bundenmit einer Regression ins Unbewußte, worauf, gespeist durch dessen Energien, eine Zeit der Kreativität einsetze und sich »aus einem Gefühl der Wiedergeburt« eine neue Identität bilde.
Fabricius bezieht die vier Phasen auf die vier biologischen Wachstumsschritte, in denen sich der Mensch entwickelt: Keimzellenreifung, Empfängnis, Einnistung, Geburt. Er begreift den Individuationsprozeß als »Tiefenregression«, als Prozeß, der durch Geburt, Einnistung, Empfängnis, Keimzellenreifung rückwärts verläuft, um sich jeweils tiefer in der eigenen Werdensgeschichte zu verankern. Ein paradoxer Prozeß — denn dem Voranschreite