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Meinen Vater, einen als Alkoholiker aus dem Balkanfeldzug heimgekehrten Unteroffizier der deutschen Wehrmacht, verschlug es nach seiner Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft vorübergehend nach Hann. Münden, wo er mit Hilfe meiner Mutter einen von vielen vergeblichen Versuchen unternahm, den Krieg hinter sich zu lassen und in die zivile Ordnung zurückzukehren. In der Volksschule meiner an der Grenze zwischen Niedersachsen und Hessen gelegenen Geburtsstadt hörte ich von anderen durchreisenden Männern, die es im Leben weiter gebracht hatten als er. Hier erreichte der Feldherr Gajus Julius Germanicus um 15 nach Christus mit seinen Truppen den östlichsten Punkt des römischen Imperiums, Johann Wolfgang von Goethe wechselte 1786 auf seinem Weg nach Italien auf dem Marktplatz die Pferde und Alexander von Humboldt bezeichnete die Kleinstadt in einer undatiertenNotiz als den siebtschönst gelegenen Ort der Welt. Daß die lokalpatriotischen Legenden den geschichtlichen Tatsachen nicht standhielten, war meiner frühen, immer ein wenig schwermütigen Liebe zu Land und Leuten nicht abträglich. Die nahen Wälder waren unermeßlich, am Horizont ragten die Kronen der alten Hütebuchen in den Himmel, in der nahen Sababurg lag Dornröschen im hundertjährigen Schlaf, im Herbst hasteten Feuersalamander über die regennassen Grabkreuze der toten Soldaten und in der Sommerhitze kreiste der rote Milan über den trägen Flüssen, die meine Welt umschlossen: Fulda, Werra, Weser.
Weil mein jüngerer Bruder seit seiner Geburt kränkelte, wurde ich täglich zum Nachbarn, einem wortkargen alten Mann, geschickt, der mit einer großen Kelle bedächtig zwei Liter Milch in die mitgeführte Blechkanne füllte, meinem Bruder gute Besserung wünschte und mir zum Abschied übers Haar strich. Eine wiederkehrende Berührung, die ich als wohltuend empfand, bis ich ein Gespräch belauschte, das meine Großmutter mit einer Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald führte, die bei ihr die Zigaretten kaufte. Der Nachbar