You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Unser individuelles Erleben prägt unsere Sichtweise jener Ereignisse, denen wir eine besondere Bedeutung für unsere Entwicklung beimessen, so daß wir zur Verallgemeinerung neigen. Wer wie Leuschner (geb. 1939) und ich (geb. 1937) den Zweiten Weltkrieg noch bewußt erlebt und erlitten hat, wird ihn als prägendes Element seiner Kindheit beurteilen. Dennoch werden unterschiedliche Kriegs- und Nachkriegs-Erlebnisse verschiedene Eindrücke hinterlassen haben, so daß - wie Leuschner zu Recht feststellt (S. 373) - die Generation der Kriegskinder keine Einheit bildet (was in differenzierter Weise das gegenwärtige Projekt «Kriegskindheit» von M. Ermann aufzeigen will). Wenn Leuschner dennoch vermutet, daß eine Mehrheit von Kriegskindern «real von Infantizidimpulsen ihrer Väter nicht weniger bedroht, vielevielleicht schwerer traumatisiert alsihre rebellischen Geschwister» (der «68er») gewesen seien, muß ich widersprechen. Selbst wenn das als Erklärung für einen (kleinen) Teil der Kriegskinder gelten mag, scheint mir Leuschner dabei seinen Blick zu sehr auf Väter als Mitschuldige von Naziverbrechen zu fixieren. Sie sind es auch, mit denen er seine Glosse beginnt, nämlich mit den «älteren Männern am Straßenrand» bei Demonstrationen 1968, die «mit wilden Haßtiraden […] offenbarten […], was sie in Wirklichkeit als Soldaten gewußt, selbst getan oder mitgetragen und immer zu verleugnen gesucht hatten». Aufgrund seiner Erfahrung mit dieser Gruppe blindwütiger Väter (deren Zahl unbestimmt bleibt) schließt Leuschner auf einen «in der Nazizeit wurzelnden Generationskonflikt tödlicher Qualität» (S. 370). Und er leitet daraus verallgemeinernd unerbittlich abgewehrte Infantizidimpulse der Väter von Kriegskindern ab. Haben da andere mögliche Erklärungsansätze noch eine Chance, insbesondere wenn sie von jenen Kriegskindern kommen, die sich nicht mit der 68er-Bewegung identifiziert haben? Ich will dennoch einen Versuch wagen.
Auf dem Höhepunkt der 68er-Bewegung gehörte ich schon zu jenen, für d