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Hat der Sensationsfall des sogenannten »Kannibalen von Rotenburg« einen Bezug zur Wissenschaft der Psychoanalyse? Wenn man die Fülle der Zeitungsberichte zu den beiden Prozessen liest, kann einem auffallen, daß die Namen Sigmund Freuds, geschweige denn Karl Abrahams nicht ein einziges Mal erwähnt werden und die Worte »infantile Sexualentwicklung« oder »kannibalistische Phase« nicht vorkommen. Gehört die Kenntnis der Ursachen der Perversionen in der psychosexuellen Entwicklung des Kindes heute so sehr zur kulturellen Selbstverständlichkeit, daß man sie gar nicht mehr erwähnen und ihren Entdeckern keine Reverenz mehr erweisen muß?
Als Zeuge für die Richtigkeit psychoanalytischer Erkenntnisse ist der Kannibale von Rotenburg in den zahlreichen Artikeln zum 150. Geburtstag Sigmund Freuds ebenfalls noch nicht erwähnt worden. Statt dessen finden wir eine Fülle von gönnerhaften Bemerkungen der Art, daß einige Vermutungen Freuds über die Funktionsweise der Psyche durch die moderne Hirnforschung ein bißchen unterstützt würden. Wenn er noch leben würde, so lautet der Tenor, wäre er wohl heute wieder begeistert ins neurologische Labor zurückehrt, zu einer richtigen, anständigen Wissenschaft. Denn mit dem Trieb und der Sexualität sei es ja wohl nicht so weit her, da hätte er wohl doch sehr übertrieben. Auch hätten die Baby-Watcher und Bindungsforscher nichts von infantiler Sexualität bei Säuglingen beobachten können, und damit sei doch wohl erwiesen, daß es sie nicht gibt!
Der Kannibale von Rotenburg sagt diesen Kommentatoren offensichtlich nichts und ist ihnen kein Menetekel!
Wenn ich dem entgegenhalten werde, daß der Kannibale uns einen Spiegel vorhält, möchte ich voranschicken, daß ich mich nicht oder fast nicht mit den forensischen Aspekten des Falls beschäftigen werde.
Mein Anliegen wird es vielmehr sein, einiges von der Psychodynamik des Rotenburger Vorgangs nachzuzeichnen und es in Beziehung zur Entdeckungsgeschichte einer psychodynamischen Konfi