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Man darf gespannt sein, wie Micha Brumlik, Philosoph, Pädagoge und deutlicher Zeitgenosse, langjähriger Direktor des Fritz Bauer-Instituts, Freuds Aufklärungsprojekt dem soeben vergangenen Jahrhundert zuordnet. Seine historische Rezeption könnte zeigen, in welchem Sinne Freud nicht nur ein, sondern »der« Denker des 20. Jahrhunderts war: In dem Sinne nämlich, daß dieses von soviel unerhörter
Bewußtwerdung wie Barbarisierung geschüttelte Jahrhundert sich selbst in Freuds Denkbewegung begreifen konnte. Einer Denkbewegung, die nicht ins Museum der Psychiatrie gehört, sondern eine »Anthropologie im Lichte des Zwanzigsten Jahrhunderts« bildet.
Knapp die Hälfte des Buches ist der Klinik, vor allem aber der Entwicklungspsychologie Freuds gewidmet. Das erste Kapitel umreißt, gelegentlich weit ausgreifend, eine pädagogische Anthropologie. Sie beharrt gegenüber den dekonstruktivistischen Relativierungen auf der Wirklichkeit eines leib-und geschlechtsgebundenen Menschen, der zur mentalen Repräsentation und damit zur normativen Regulierung seines angeborenen Begehrens fähig und gezwungen ist. Genau an diesem Schnittpunkt steht die von Freud seit 1905 betonte infantile Sexualität. Glänzend beschreibt Brumlik Freuds Paradigmenwechsel als dialektische Aufhebung einer »Tiefenpsychologie« in der Tradition des romantischem Okkultismus - einer Tradition unaufgedeckter Verführungsszenen, die der Autor pointiert ausführt an der »folie-à-deux« zwischen C. G. Jung und seinem Medium Helly Preiswerk. Freud dagegen gelang es, solche Verstrickung durch die Reflexion der Übertragung deutend aufzulösen. Ein Gründungsakt übrigens des kritischen Verfahrens, das heute oft »Dekonstruktion« genannt wird und die eigentliche Methode der Psychoanalyse charakterisiert.
Nach einem kurzen Kapitel über die Traumdeutung, das auf die gesellschaftliche Inspiration von Freuds Dechiffrierungstechnik verweist und eine Parallele zur Filmästhetik herstellt, kommt Brumlik zurück auf das Skandalon der infantilen Sex