You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
PSYCHE-Leser werden einen von Helen Schoenhals Hart verfaßten Artikel mit dem attraktiven Titel »Angstneurose heute« (Heft 3, 2006) besonders neugierig und erwartungsvoll zulesen beginnen. Die Enttäuschung dürfte jedochimLaufe der Lektüre aus zwei Gründen wachsen. Die Entstehung angstneurotischer Symptome während einer Analyse wird vorwiegend auf das kleinianische Verständnis unbewußten Neids in der Übertragung zurückgeführt. Schon kasuistisch muß gefragt werden: Kann Neid allein eine Angstreaktion erzeugen? Wegen des anspruchsvollen Titels würde der Leser vor allem erwarten, daß wenigstens der Versuch unternommen wird, die Beiträge führender psychoanalytischer Richtungen zur Lösung des Grundproblems von Neurosen, nämlich der Angst, zu integrieren. Schoenhals übergeht alle neueren Entwicklungen des Verständnisses neurotischer Ängste in und außerhalb der Psychoanalyse. Besonders negativ wirken sich zwei Unterlassungen aus: Weder wird die psychoanalytische Forschung zur Affektlehre erwähnt, um die sich im deutschsprachigen Raum R. Krause (1997 und 1998) und U. Moser (1978, 1999 und 2005) verdient gemacht haben, noch fällt ein einziges Wort zur modernen psychoanalytischen Entwicklungspsychologie (Dornes 1997, 2006). Man sollte es nicht für möglich halten, daß über die Angstneurose heute geschrieben werden kann, ohne das Werk von John Bowlby (1969, 1973, 1980) zu erwähnen. Statt dessen belebt Schoenhals obsolet gewordene Probleme von Freuds Angsttheorie, indem sie diese in Bions Terminologie umformuliert.
Das Syndrom der Angstneurose, in den modernen internationalen klassifikatorischen Systemen, dem DSM und dem ICD, als Panikattacke geführt1, wurde schon vor über hundert Jahren von Sigmund Freud (1895b, f) vollständig beschrieben. Das Interesse aller Psychotherapeuten an der Angstneurose ist unverändert groß. Die damaligen Annahmen Freuds zur Entstehung von Angstneurosen wurden in der zweiten Angsttheorie (1926d) revidiert. Diese Revi