You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Freuds großer Einfluß auf die Kultur ist, wie die zahlreichen Würdigungen zu seinem 150. Geburtstag am 6. Mai 2006 zeigten, unbestritten. Der Beitrag der Psychoanalyse zur Krankenbehandlung ist dagegen in der Medizin nach wie vor zweifelhaft. Alexander Mitscherlichs Hoffnung auf eine Durchdringung der Medizin mit Psychoanalyse hat sich nicht erfüllt. Das sieht man trotz aller Forschritte der technischen Medizin besonders deutlich in der mangelnden Versorgung der häufigen depressiven Erkrankungen: Mit einer Prävalenz von sechs Prozent— das entspricht 3,1 Millionen in der Bundesrepublik — ist Depression eine der häufigsten Erkrankungen, stellt der Sachverständigenrat für Konzentrierte Aktion im Gesundheitswesen fest. Nur die Hälfte wird von den Ärztenerkannt; 20% bleiben unbehandelt (Deutsches Ärzteblatt, 98, 49), verborgen hinter vielfältigen Körpersymptomen oder Schlafstörungen. Psychiater lassen es bei der Verordnung von Psychopharmaka bewenden. Ob der gewaltige Umbruch der wissenschaftlichen Bewertung von depressiven Zuständen durch IDC in affektive Störungen, depressive Episoden, leichte, mittelschwere und schwere Depressionen gegenüber der traditionellen Einteilung in endogene und neurotische Depressionen ein Fortschritt ist, wird in psychoanalytischen Kreisen bezweifelt, weil dabei die psychodynamischen Ursachen zugunsten deskriptiver Unterschiede vernachlässigt werden. Psychoanalytiker suchen nach den seelischen Hintergründen, doch ihre Interpretationen wechseln mit der Entwicklung ihres Faches: unbewußte Wendung der Aggression gegen sich selbst, Selbstbestrafung aus Schuldgefühl, Reaktion auf Verluste, Selbstwertzweifel, Folge nicht bewältigter seelischer Verletzungen im Kindesalter, Defizite in der Entwicklung der Persönlichkeit. Neuerdings werden soziale Zustände von Überforderung als Ursache diagnostiziert: Arbeitslosigkeit, Orientierungsverlust, Umwertung der Werte, ungesicherte Zukunft, Terrorbedrohung, ohne daß Auswege aus dem diagnostischen und therape