You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
»Nachrichten von meinem Tod stark übertrieben«, notiert Sigmund Freud in seinem Brief vom 16. Dezember 1912 an seinen Schweizer Freund Ludwig Binswanger mit einem Mark Twain-Zitat. Ein hübscher Witz, vor allem ein treffender, sieht man sich den Freud-Boom anläßlich seines 150. Geburtstags und dessen Vorgeschichte an.
Jahrelang schienen Freud und die Psychoanalyse abgeschrieben, ihre ineffektive Therapie, ihre »wissenschaftlichen« Grundlagen, ihr Deutungsverfahren, ihr Stifter bestenfalls eine suspekte Mischung aus Genie und Scharlatan. Die pflichtgemäßen Vorbereitungen zum Freud-Jahr waren apologetisch gestimmt. Und dann das: Binnen kürzester Zeit ein fast völliger Stimmungswechsel. Die Psychoanalyse avancierte wieder zu dem, was sie einmal war: Avantgarde der Seelenwissenschaft.
Möglich gemacht hat das ausgerechnet jene Disziplin, die man bis dahin auf der Gegenseite vermutet hatte: die Neuro-Wissenschaft. Mit prominenten Vertretern — Gerhard Roth, Wolf Singer, Hans Markowitsch, Eric Kandel, Mark Solms — feierte sie mit der psychoanalytischen Wissenschaft des Unbewußten ein unerwartetes Hochzeitsfest. Sinnreicherweise brachte sie gerade jenen frühen Freud-Text wieder zu Ehren, den er selber abgebrochen und verworfen hatte: den »Entwurf einer Psychologie« von 1895 mit seinen mathematisierten Formeln und Skizzen, die nun wie eine geniale neurobiologische Antizipation wirken. Die Seelenwissenschaft, die Geisteswissenschaften insgesamt können unverhofft einen ihrer inzwischen selteneren Triumphe feiern. Auch Sympathisanten der Psychoanalyse, die an ihr festhielten, als das noch nicht wieder Mode war, können sich daran freuen. Die Frage ist freilich, ob dabei nicht ein Pyrrhus-Sieg gefeiert wird. Unfreiwillig ironisch ist der unverhoffte Triumph jedenfalls.
Die vorherrschende Lesart der Psychoanalyse war und ist — zu Recht! — hermeneutisch. Aus Freuds eigener wissenschaftlicher Entwicklungsgeschichte klug geworden, weiß sie, daß vermeintlich eisenfeste Daten, Erhebungen, B