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Im Wettbewerb um die Rolle der humanwissenschaftlichen Leitdisziplin hat die Neurobiologie gegenwärtig die Nase vorn. Ihren Rückstand kann die zeitgenössische Psychoanalyse nur aufholen, wenn sie — schulenübergreifend — den eigenen Beitrag zur Aufklärung der Conditio humana im Licht des interdisziplinär verfügbaren Wissens neu betrachtet und weiterentwickelt. Das tut sie auch. Zusammen insbesondere mit der Säuglingsforschung und den Kognitionswissenschaften hat die psychoanalytische Grundlagen- und Konzeptforschung arbeitsteilige Kooperationsprojekte entwickelt, in denen die Partner den komplexen Zusammenhang von Umwelt, Psyche und Gehirn, der immer noch genügend Rätsel aufgibt, gemeinsam untersuchen. Vielversprechende Formen der Zusammenarbeit sind entstanden, deren Ergebnisse auch in dieser Zeitschrift regelmäßig publiziert werden (z. B. die Arbeiten der Boston Study Group um Daniel Stern, das Londoner Mentalisierungsprojekt von Peter Fonagy, Mary Target und enderen oder der von Marianne Leuzinger-Bohleber und Mitarbeitern betriebene Dialog mit den Kognitionswissenschaften). Im Zeitalter von Forschungsnetzwerken leisten solche Gemeinschaftsunternehmen gewissermaßen nachholende Basisarbeit am unvollendeten Projekt der Moderne.
Auf der anderen Seite hat die als weltweites Medienereignis gefeierte Entzifferung des Humangenoms Wissenschaftsapostel und Technikpriester auf den Plan gerufen, die unter der Fahne der sogenannten Lebenswissenschaften szientistische Heilsbotschaften verkünden. Auch die Scheindebatte um Willensfreiheit und Selbstverantwortung — ob ein Mensch also anders handeln könnte, als er es tut, oder ob sein genetisches Programm oder neuronale Verschaltungen im Gehirn ihn festlegen — gehört zum Marketing dieser neuen Wissenschaftsreligion. Ermuntert durch die rasanten Fortschritte der Hirnforschung, hat ein neuer Naturalismus Auftrieb erhalten, der den Freudschen Traum vom Ersatz metapsychologischer durch neurobiologische Kategorien auf seine Weise träu