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Orhan Pamuk rekonstruiert in seinem jüngsten Werk Istanbul als die Welt seiner Kindheit und Jugend und gewährt uns dabei auch einen Einblick in seine Entwicklung zum Schriftsteller. Mit essayistischen Texten, autobiographischen Schilderungen und Photographien beschwört Pamuk das Universum von Personen und Orten, von Situationen und Stimmungen herauf, die die Zeit seines Heranwachsens prägten. Das ganze Buch durchzieht der »hüzün«, die türkische Variante kulturspezifischer Melancholie oder Tristesse, vor deren Hintergrund wir den Schriftsteller als Kind und jungen Mann kennenlernen, wie er in einer aufgrund der häufigen Abwesenheit des Vaters engen Beziehung zu seiner Mutter lebt und mit Hilfe seiner kreativen Begabung dagegen ankämpft, einem persönlichen »hüzün« zu verfallen. Die Suche nach dem die Beziehung zur Mutter triangulierenden Vater, so die These, führt ihn von der Welt der Bilder hin zu der dem Schriftsteller eigenen sprachlichen Gestaltung seiner Welt.
Nicht nur aufgrund der in Schwarzweißphotographien aus den 1950er und 1960er Jahren, die Pamuks Schilderungen der Architektur Istanbuls spiegeln und verdoppeln, wirkt Istanbul wie eine Kollektion visuell dominierter Vorstellungen, die mit der melancholischen Grundströmung des »hüzün« durch den Bosporus hinaus ins Marmarameer treiben. Mit dem Fortgang der Lektüre versteht der Leser, daß die visuelle Dimension dieses Buches auch damit zu tun hat, daß der Schriftsteller als junger Mann noch gar nicht vorhatte, Schriftsteller zu werden, sondern Architektur studierte und eigentlich beabsichtigte, Maler zu werden. Erst am Schluß des Buches fällt die Entscheidung, auf diesen Wunsch zugunsten der Schriftstellerei zu verzichten.
Im 8. Kapitel, »Meine Eltern und ihre Abwesenheiten«, das ich im Folgenden Absatz für Absatz einer Lektüre unterziehen werde, schildert Pamuk eine Beziehungskonstellation, die seine Kindheit prägte und aus der heraus er ein Spiel entwickelte, das ihm »Jahre später als eines der Grundmuster me