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Edith Kurzweil (1993, S. 10) hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur zwei Psychoanalytiker entdecken können, die an Charisma und intellektueller Verve Sigmund Freud nahekamen: in Frankreich Jacques Lacan, in Deutschland Alexander Mitscherlich. Einer dieser »beiden »Großen«« der europäischen Nachkriegsanalyse, Jacques Lacan, erfreut sich eines kapitalen Nachruhms, der andere hingegen ist mehr und mehr in Vergessenheit geraten. In Eli Zaretskys (2006) kürzlich publizierter Geschichte der Psychoanalyse etwa werden Lacans »explosive Neuerfindung der Psychoanalyse« (S. 455) und sein »immer präsenter Einfluß« (S. 461) ausgiebig erörtert, während der Autor für Mitscherlich nur eine einzige Erwähnung übrig hat, eine durchaus unzutreffende zudem. Daß Mitscherlich »die Komplizenschaft der deutschen Psychoanalyse mit dem Nationalsozialismus« aufgedeckt habe (S. 415), wie Zaretsky behauptet, ist schlicht falsch. Auf die Verstrickung der deutschen Psychoanalytiker im Faschismus ist Mitscherlich zu keinem Zeitpunkt näher eingegangen; die verspätete Aufklärungsarbeit leisteten Mitte der siebziger Jahre zunächst angelsächsische Forscher wie Geoffrey Cocks, bevor im folgenden Jahrzehnt, Mitscherlich war bereits gestorben, die überfällige Diskussion in Deutschland in Gang kam. Zaretskys Fehlinformation beruht offensichtlich auf Unkenntnis der Schriften des deutschen Analytikers, was insofern erstaunlich ist, als gerade Mitscherlich jene »Politisierung« der Psychoanalyse betrieb, der Zaretsky so beredt nachtrauert.
Ein Vierteljahrhundert nach Mitscherlichs Tod steckt die Forschung über ihn noch immer in den Kinderschuhen. Selbst in der Psyche, die ihrem Gründer und langjährigen Herausgeber von Haus aus, sollte man meinen, eine gewisse Verbundenheit schuldet, ist seit der von Tilmann Moser (1992) vorgebrachten und von Christian Schneider (1993) parierten Kritik an Die Unfähigkeit zu trauern wenig Substantielles über Mitscherlich zu lesen gewesen; als Ausnahme wäre v