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Als im September 1996 einige mit Amnesty International verbundene Psychoanalytiker in Hamburg ein Seminar mit dem Psychologen David Becker organisierten, der mit politischen Häftlingen in Chile gearbeitet hatte, bekamen sie überraschenden Besuch — eine Reihe von ehemaligen RAF-Häftlingen war zu dem Seminar gekommen. Sie hatten in der Haft alle David Beckers Buch Ohne Haß keine Versöhnung. Das Trauma der Verfolgten gelesen und identifizierten sich mit den dort geschilderten Traumatisierungen der unter Pinochet verfolgten politischen Häftlinge. Mit ihrer Anwesenheit bei dem Seminar meldeten sie ihren Anspruch an, gleichfalls als verfolgte und traumatisierte politische Gefangene gesehen zu werden.
Für manchen Teilnehmer des Seminars und für den Referenten selbst war dieses Selbstverständnis der ehemaligen RAF-Gefangenen verstörend. David Becker fand die Gleichsetzung der Verhältnisse unter der Diktatur in Chile und in der demokratischen Bundesrepublik Deutschland »abartig und realitätsverleugnend«, wie er in seinem Einleitungstext zu dem vorliegenden Buch sagt (S. 16). Doch andere Teilnehmer des Seminars waren bereit, dieses Opferselbstverständnis der ehemaligen Gefangenen anzunehmen. Der Hamburger Psychoanalytiker Volker Friedrich meinte, daß Folter nicht »das schwarze Privileg der Dritten Welt« sei und es auch in Deutschland infolge politischer Kämpfe zu Traumatisierungen gekommen sei, die unabhängig von den Handlungen der politischen Gruppe anerkannt werden müßten (wiedergegeben nach dem Bericht von Dellwo, S. 98).
Karl-Heinz Dellwo, der an der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm 1975 und an der Ermordung zweier Botschaftsangehöriger beteiligt war, hört in diesen Sätzen die Bereitschaft, ihrem Kampf um das »eigene Ich und Wir« im Gefängnis Respekt zu zollen. Es war offenbar das Signal, das es den ehemaligen Gefangenen ermöglichte, ihren Wunsch nach Hilfe, wenn auch in sehr verklausulierter Form, zu artikulieren. Einige der anwesend