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Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Irene Berkel nimmt den sexuellen Mißbrauch und die erregte Debatte um ihn zum Ausgangspunkt weitgespannter Überlegungen, dokumentiert sich doch in diesem Phänomen exemplarisch eine umfassende Krise des genealogischen Zusammenhangs unserer Gesellschaft. Was oberflächlich eindeutig erscheint, zerfällt auf den zweiten, kulturwissenschaftlich und psychoanalytisch geschultenBlickin »einenrealen Kernund eine phantasmatische Proliferation«. Berkels Ansatz unterscheidet sich grundlegend von den bisherigen Herangehensweisen, sie untersucht den sexuellen Mißbrauch nicht isoliert, nicht bloß als skandalisiertes factum brutum oder aber umgekehrt als false memory syndrome, sondern nimmt ihn als Moment eines Komplexes: Die mediale Präsentation, seine ausgedehnte Bearbeitung in Literatur, Film, Kunst und Wissenschaft deutet sie als Externalisierungen gesellschaftlich verwurzelter unbewußter Konflikte und den Versuch ihrer projektiven Bewältigung. Sie ringt dabei um eine Form der Erkenntnis, die es erlaubt, den sexuellen Mißbrauch mit all seinen fatalen psychischen und sozialen Auswirkungen ernst zu nehmen, ohne aber seiner Faszinationsseite zu erliegen. Untersucht man die Entstehung des Diskurses, der Anfang der 80er Jahre über die USA Europa erreichte, so fällt auf, daß, wie in so vielen anderen Debatten auch, der Anspruch auf Aufklärung sehr schnell in eine paranoide Stimmung umgeschlagen ist und die unbewußten Motive der Enthüllungsmanie nicht hinreichend bedacht wurden. Es kam zu einer vielfach vereinfachenden, entlastenden und entgrenzten Polarisierung von Tätern und Opfern, die »zwangsläufig die Komplexität sowohl des familialen Geschehens als auch der soziosymbolischen Ordnung vernachlässigt (hat) und auf projektiven Identifikationen beruht[e]«. Das gesamte Generationenverhältnis wurde gleichsam der Suggestion einer allgemeinen Sexualisierung und dem Phantasma eines lüsternen männlichen Erwachsenen unterworfen. Der Beschuldigung der Väte