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Krankengeschichten sind intime, Diskretion fordernde Dokumente. Aber manchmal wiegt das öffentliche Interesse schwerer als der Personenschutz. Für die Krankengeschichte des großen Hamburger Kunsthistorikers und Kulturwissenschaftlers Aby Warburg, die jetzt in einer Edition des kleinen Verlags diaphanes dokumentiert wird, gilt das in besonderem Maße.
Am 2. November 1918 wird Aby Warburg in die Hamburger Nervenheilanstalt von Dr. Arnold Lienau aufgenommen. Der Patient, der in Begleitung seiner Frau und eines seiner Brüder erscheint, hat unter dem traumatisierenden Eindruck der deutschen Kriegsniederlage, getrieben von Ängsten vor dem »Bolschewismus« und antisemitischen Pogromen, einen Selbsttötungsversuch unternommen und seine Familie mit einem Revolver bedroht. Sie und sich will er so vor Schlimmerem bewahren. Er leidet unter massiven paranoiden Zwangsvorstellungen und ist nur medikamentös und mit der brachialen Gewalt der Pfleger ruhigzustellen. Im Juli 1919 wird er entlassen: »ungeheilt, aber etwas gebessert«.
Doch die Besserung dauert nicht. Im Oktober 1920 erfolgt die Aufnahme in die psychiatrische Klinik von Professor Hans Berger in Jena. Der Patient fühlt sich in einem Gefängnis, hängt Verschwörungstheorien an und befürchtet wieder antisemitische Pogrome. Er tobt, attackiert handgreiflich die Pflegerinnen und Pfleger. Die Überführung in eine geschlossene Anstalt wird ihm angedroht. Die Diagnose lautet