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Der Fall des sächsischen Senatspräsidenten Daniel Paul Schreber ist einer der berühmtesten Fälle der Psychiatriegeschichte. Jetzt greift ihn Klaas Huizing in einem Roman auf, der nicht immer Neuland erschließt, aber mit beklemmender Eindringlichkeit in die irren Tiefen einer denkwürdigen Seele führt.
1911, im Todesjahr des 1842 geborenen Schreber, hat Sigmund Freud sich in einer brillanten, aber methodisch problematischen Ferndiagnose mit dem Fall deutend befaßt. Seine »Psychoanalytischen Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia«, also von schizophrenem Verfolgungswahn, stützten sich auf Schrebers Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Das voluminöse, 1903 erstveröffentlichte, inzwischenmehrfach wiederaufgelegte Buch ist die einzigartige Darstellung eines geschlossenen, religiös verschlüsselten familiären und sexuellen Wahnsystems. Nach Freuds Deutung verrät der Paranoiker in entstellter Form, was die Neurotiker verbergen. Schreber fühlt sich durch göttliche Eingebungen, die ihn auf den Nervenbahnen als »Sonnenstrahlen« erreichen, zur Erlösung der Menschheit und zur Wiederbringung ihrer verlorenen Seligkeit berufen. Vorher muß er nur über das perfide Komplott eines Gegners triumphieren, der als der behandelnde Irrenarzt Professor Dr. Flechsig identifiziert wird. Auf »Seelenmord« lautet in der begriffsgeschichtlichen Tradition des großen Juristen Anselm Ritter von Feuerbach der Vorwurf. Schreber selber phantasiert, sich nach der Rückbildung seines Geschlechts in eine Fraudann Paula Schreber - zu verwandeln, um mit Gott den neuen Menschen zu zeugen. An »Denkwürdigkeiten« fehlt es diesem »Nervenkranken« in der Tat nicht.
Seit Freuds Studie ist der Fall Schreberdenn auchimmer wieder in einer inzwischen kaum noch überblickbaren Fülle von Darstellungen neu aufgerollt worden. Jacques Lacan, William G. Niederland, Morton Schatzman, Han Israels und viele andere mehr haben ihn psychoanalytisch, psychiatrisch, medizinhistorisch kontrovers diskutiert