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Affekte wurden von der Psychoanalyse traditionell stiefmütterlich behandelt. Unter der Vorherrschaft des Triebparadigmas galten Affekte wie Scham und Schuld vorwiegend als Mittel zur Triebkontrolle. Von Freud wurden sie dem Über-Ich als dem Ort der Bildung von Moral und Ichideal zugeordnet. Als Teil der »verdrängenden Kräfte« (Freud in einem Brief an Fließ), sollten solche Affekte im wesentlichen dafür sorgen, daß »der Geschlechtstrieb das normale Maß nicht überschreitet« (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905d). So wunderte es kaum, daß Scham- und Schuldgefühle in engste Nachbarschaft gerieten und von ich-psychologischen Autoren gelegentlich miteinander gleichgesetzt wurden (vgl. M. Hartmannu. R.M. Löwenstein: Notes on the superego. Psychoanal Study Child 17, 1962, 42-81).
Was für die psychoanalytische Affekttheorie insgesamt zutrifft, trifft insbesondere für die Theorie der Scham zu: Sie ist unterentwickelt, die Literatur immer noch spärlich. Angeregt durch die Säuglings- und Bindungsforschung, hat sich die Literaturlage inzwischen verbessert. Vor allem der Entstehung des Schamgefühls wird nun mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Weil Affektzustände in der frühen Kindheit offenbar dazu dienen, Kontakt herzustellen und Bindungen anzubahnen, wird Affektivität als Medium zwischenmenschlicher Kommunikation verstanden. Als Voraussetzung zur Entstehung von Schamgefühlen gilt nun Intersubjektivität, die wiederum voraussetzt, daß das Kind über ein subjektives Selbst verfügt, das sich angeschaut fühlt und mental vulnerabel ist: »Scham ist an einen realen oder imaginären Beobachter gebunden, vor dem man sich verbergen möchte. Sie ist also eine Emotion, die an ein Selbstbewußtsein geknüpft ist. Das Kind schämt sich, wenn es sich in seinem (bewußt gewordenen) Selbst verletzt fühlt« (M. Dornes: Die frühe Kindheit. Frankfurt/M. 1997, S. 267). Erst in der Phase der intersubjektiven Bezogenheit, die Daniel Stern in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres beginnen läßt, kann der S