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Jeder ist der Einzige, der sich von der Wiege bis zur Bahre begleitet. Und doch wird niemand je sein eigenes Gesicht unvermittelt sehen. Der Eindruck, den wir von uns selbst im Spiegel gewinnen, ist nicht der gleiche wie der, den sich unser Gegenüber von uns macht. Diese Differenz ist zugleich Grundlage unserer Identitätsbildung. Im Blick der ersten Anderen entwirft sich das Individuum, gewinnt es instinktiv sein erstes, rudimentäres, unbewußtes Bild von sich selbst, die Fundamente seines Charakters (vgl. Lacans »Spiegelstadium«). Später suchen wir auch bewußt in den Augen des Gegenübers zu erkennen, für wen wir gehalten werden, ob wir uns geliebt fühlen dürfen oder gehaßt werden, ob wir stolz sein können oder uns schämen müssen. Kein anderes Sinnesorgan ist so sehr Sender und Empfänger zugleich wie das Auge. »Wenn Augen atmen könnten, sie hätten den Atem angehalten«, berichtet Elias Canetti (Das Augenspiel. München, Wien 1985), zutiefst beeindruckt, über Hermann Brochs Art, ihm zuzuhören.
Freud entwickelte das psychoanalytische Setting bekanntlich, weil er es nicht ertragen mochte, sich den ganzen Tag den Blicken der Patienten ausgesetzt zu sehen. Er wollte »ihrem Anblick entzogen« sein (Die Freudsche psychoanalytische Methode. GW V, 1904a), wahrscheinlich wohl wissend, daß er das, was er über sie dachte, eher in seinen Worten verschleiern konnte als in seinen Augen. Und er wollte sich nicht ungefiltert den Übertragungen aussetzen, die sich im Blick des Patienten zeigten, seinem »Bemächtigungstrieb«. Während sich der Patient durch den unterbundenen Blickkontakt zunächst oft abgeschnitten erlebt von seiner vertrauten Umgangsweise mit anderen Menschen, fühlt sich der Analytiker geschützt vor eben diesem unmittelbaren Kontakt. Zugleich erhalten gerade dadurch, daß der Blickkontakt so kurz ist, Anfang und Ende jeder Sitzung besondere Bedeutung in der therapeutischen Beziehung.
In ihrer Einleitung zu diesem Sammelband verschiedener Aufsätze von John Steiner zur Problemati