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»Freuds Entdeckung des Überichs war eine der großen Leistungen der Psychoanalyse, erklärt Money-Kyrle« (von Raffay, S. 61) - eine Entdeckung, die m. E. heute oft unterschätzt, ja von vielen als überholt angesehen wird. Um so wertvoller ist diese Darstellung, die die vor allem in Hamburg wirkende Autorin vorgelegt hat, ein Buch, das ich trotz der inhaltlichen Komplexität und des hohen intellektuellen Niveaus sehr
spannend zu lesen fand. Es gibt einen ausgezeichneten Abriß der Theorien von Gewissen und Idealbildung und der praktischen Folgen für die Geschichte der Psychoanalyse und die Jungsche Version der Tiefenpsychologie.
Die Autorin, die selber von der Jungschen Psychologie herkommt, diese aber einer souveränen und herben Kritik unterwirft, verankert ihr Buch in der unmittelbaren Zeitgeschichte: »Besonders seit dem 11. September 2001 ist die Frage nach dem Gewissen neu ins allgemeine Bewußtsein gerückt. Z. B. haben 60 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in den Vereinigten Staaten […] eine öffentliche Stellungnahme […] verfaßt, in der sie nach den universal gültigen individuellen und kulturellen Grundwerten fragen […]. Es zeigt sich auch in diesem Manifest, daß Freiheit nur im Rahmen von eingrenzenden moralischen Grundsätzen möglich ist. Nur dann kann gleichzeitig das kulturelle Leben, also die lebensnotwendige und unvermeidbare Gebundenheit des Einzelnen an die Gemeinschaft geschützt werden« (S. 15).
Dies, würde man denken, sollte gerade auf dem Gebiet der Psychoanalyse und Psychotherapie eine Selbstverständlichkeit sein. Es ist es mitnichten: »Die Idee des kollektiven Unbewußten und der »inneren Stimme« isoliert den Einzelnen von der Gemeinschaft. So kann Jung den »Sittenkodex«, der für die Gemeinschaft verpflichtet, nur als »Erstarrtes« und »Angelerntes« sehen und nicht als soziale Gerechtigkeit, die das menschliche Zusammenleben ermöglicht.« (S. 103). »Jung beurteilte den Wert von moralischen Entscheidungen nach ihrer Beziehung zum Selbst. Verpflichtungen