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»Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar« - so lautet der Titel einer Rede, die Ingeborg Bachmann 1958 zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden gehalten hat (Werke, Bd. 4. München 1978). Johanna Bossinade, Professorin für Literaturwissenschaft an der FU Berlin, unternimmt es im Ausgang von dieser Rede, die »Wahrnehmung« und poietische »Wahrmachung« der »kranken Welt« als Fokus von Ingeborg Bachmanns Schreiben darzustellen. Dieser Wahr-Machungsprozeß, so die leitende These Bossinades, die seit 2000 auch als Psychoanalytikerin tätig ist, vollziehe sich bei der Dichterin auf dem Wege einer »paradoxen Verkehrung«. Ausgangspunkt ist die Wahr-Nehmung der »kranken Welt« mit »ihren falschen Idealen, ihren Hemmungen, ihrem Wahn« (S. 10), ihrer »Normalität des Verkehrten« (S. 11), wie sie historisch im »Dritten Reich« erfahren wurde. Statt im Rahmen fiktionaler Wirklichkeit vorzutäuschen, daß die solchermaßen paradoxe und kranke Welt in eine stimmige und gesunde verwandelt werden, daß es also ein »richtiges Leben im falschen« geben könnte, unternimmt es Bachmann, das »von vornherein Verkehrte der übersteigernden Simulation« auszusetzen (S. 91) und dadurch »rückzuverkehren«. Konkret bedeutet dieses Verfahren eine moderne Kombination all dessen, was die Weltliteratur als Ironie, Parodie, Kontrafaktur und Satire kennt. Frei nach Jay Haley (Die Jesus-Strategie. Weinheim 1990: »Der Analytiker besteht darauf, daß der Patient unterlegen bleibt, um ihm zu helfen, überlegen zu werden«) könnte man sagen: Bachmanns Strategie einer paradoxen erzählerischen Intervention unterwirft die - meistenteils weibliche - Wahr-Nehmung der - meistenteils männlichen - Wahr-Gebung (Helm Stierlin), um den Widerstand der Rezipierenden gegen die »normalen«, also kranken Gesellschaftsformen zu aktivieren.
Die Fixierung auf das Paradoxe bringt es mit sich, daß Bossinade auch das Verhältnis von Psychoanalyse und Textanalyse als »paradoxe Analogie« expliziert: zwar sei die Sprache in der