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Bis heute durchdringt das Sexuelle zutiefst die Diversität psychoanalytischer Prozesse. Klinisch finden wir neue Begehrensformen, abweichende (süchtige) Sexualpraktiken, von einer erniedrigten Schwelle des Agierens zeugende Nebenübertragungen, banalisierte inzestuöse Beziehungen u.a. Die Frage ist, ob hierdurch die infantile Sexualität im Sinne Freuds betroffen ist.
Zwischen erwachsener und infantiler Sexualität, präziser ausgedrückt zwischen der Sexualität und dem infantil Sexuellen, gibt es einen radikalen Unterschied. Das infantil Sexuelle ist weder die Sexualität des Kindes noch eine Art Essenz oder Kern, welcher als quasi schlecht assimilierter Rest in der erwachsenen oder genitalen Sexualität persistierte, schreibt Françoise Coblence, Paris, in der »Einführung«. Es ist auch nicht auf die infantile Neurose und die ödipale Konflikthaftigkeit reduzierbar. Als Ort von triebhaften Transformationen ist die infantile Sexualität eine permanente Quelle von Wünschen und schöpferischen Aktivitäten, zeitlos, prinzipienlos, charakterisiert durch die Koexistenz von Zärtlichkeit und Sinnlichkeit. Sie äußert sich in der infantil-sexuellen Natur des intellektuellen Interesses ebenso wie in allen Formen von Sublimation und Verdrängung. Da der Begriff der Sexualität leicht verdinglicht, ist es besser, vom infantil Sexuellen zu sprechen. Dessen Vielgestaltigkeit und die ihm eigene theorieschöpfende Aktivität, welche aus jeder Theorie von Beginn an eine sexuelle Theorie zu machen drohen, enthüllen sich in der Behandlung, in der von Beginn der verführerischen Einladung zur freien Assoziation an alles offenkundig sexuell ist, insbesondere in dem agierten Teil der Übertragung, den Rahmenverletzungen. Bis das infantil Sexuelle sich manifestiert und zu seiner Plastizität zurückfindet, kann der Weg jedoch ziemlich lang sein.
Emmanuelle Chervet, Lyon, buchstabiert in »Das infantil Sexuelle in der Behandlung« einige theoretische Überlegungen an einer Fallgeschichte durch: »Natürlich« (E.C.)