You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Schon seit einiger Zeit neigen die Psychoanalytiker dazu, Freuds kulturtheoretische Schriften — über die Moderne, den Säkularismus, über Wissenschaft und Religion — abschätzig zu betrachten, nämlich als unwissenschaftliche Spekulationen eines insoweit irregeleiteten großen Geistes. Allerdings handelt es sich bei den Fragen, denen Freud in diesen Schriften nachging, um drängende Themen, die ernsthafte Aufmerksamkeit verdienen. So wie der Faschismus den historischen Kontext setzte, in dem die Vertreter der Kritischen Theorie in den 1930er und 1940er Jahren eine psychoanalytische Gesellschaftstheorie entwickelten, so verlangt der Aufstieg des Fundamentalismus von uns Heutigen eine ähnliche Anstrengung. Das von dem Psychoanalytiker und Philosophen Cornelius Castoriadis entworfene »Projekt der Autonomie« kann uns dazu dienen, die Psychoanalyse in ihren größeren historischen Kontext — als Teil der emanzipatorischen Bewegung der Moderne — einzuordnen und den Fundamentalismus als einen Versuch kenntlich zu machen, diesen Gedanken umzukehren und zu den Wertvorstellungen vormoderner Gesellschaften zurückzukehren. Da die heute verbreitete Abneigung gegenüber dem Säkularismus zu einem nicht geringen Teil auf das Konto der Säkularisten selbst geht — hier sei an die relativ ruppige und simplifizierende Art erinnert, in der Freud über Dinge hinwegging, die zu den sehnlichsten Erwartungen der Menschheit zählen —, ist es an der Zeit, im Rückgriff auf das Werk von Hans Loewald eine einfühlsamere und differenziertere psychoanalytische Sicht auf die Religion zu formulieren. Dabei müssen die säkularen Analytiker es allerdings vermeiden, die Fehler der Vergangenheit überkompensieren zu wollen, indem sie den Antisäkularisten zuviel Boden zugestehen. Der legitime Wunsch, der Religion Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, darf nicht die Oberhand gegenüber der dringlichen Aufgabe gewinnen, das Autonomieprojekt als vorrangiges Ziel voranzutreiben.