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Daß Psychoanalyse in Diktaturen, unter autoritären und totalitären Regimes, möglich ist, stehe fest und sei seit mindestens 20 Jahren bekannt, sagte Mitchell Ash am zweiten Tag der Tagung. Offen sei nur die Frage: wie? Oder: Sind allgemeine Aussagen über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik, in diesem Falle Psychoanalyse und Politik, möglich? Ist die Situation der Psychoanalyse in den totalitären Regimes Europas mit der Situation in den autoritären Regimes von Südamerika oder mit der unter dem Kommunismus der Sowjetunion vergleichbar? Der in Wien lehrende amerikanische Historiker hatte Vertreter seiner und anderer Wissenschaften sowie Psychoanalytiker zu einer dreitägigen Tagung zum Thema »Psychoanalyse in totalitären und autoritären Regimes« eingeladen.
Auch in Diktaturen konsumiere man Kultur, gehe in die Oper oder zum Arzt, besuche ein Konzert oder ein Restaurant. Es gibt also auch in derartigen Zeiten einen Alltag, und den möchte Ash in den Blick rücken. Patienten, die in solchen Regimes den Psychoanalytiker aufsuchen, gehörten - so Ash - offensichtlich nicht zu den Verfolgten. Aus welchen Gründen suchen sie einen Analytiker auf?
Innerhalb des von Mitchell Ash geleiteten Forschungsprojekts »Brüche und Kontinuitäten der Geschichte der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1938-1945« der Wiener Psychoanalytischen Akademie (WPA) wird auch die Sozialstruktur der Patienten von August Aichhorn untersucht. Der 1878 geborene Aichhorn wurde 1922 Mitglied der WPV. Mit Anna Freud hat ihn vor und nach dem Krieg eine herzliche Freundschaft verbunden, wie Thomas Aichhorn durch den Briefwechsel seines Großvaters mit Anna Freud belegte. Aichhorn war einer der drei WPV-Mitglieder, die nach dem Anschluß Österreichs an HitlerDeutschland im März 1938 nicht emigrierten.
Die Ethnologin Birgit Johler hat nun ein »Soziogramm« der Praxis Aichhorns (die bis 1944 bestand) anhand seiner »Patientenkalender« entworfen. Zwei solcher Termin- und Notizbücher sind erhalten. Ein offizielles m