You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Mit seinem ambitionierten Versuch, empirisch zu beobachtende gesellschaftliche Wandlungsprozesse zumal im Bereich familialer Interaktion mit Veränderungen in der Struktur des psychischen Apparats zu verbinden, knüpft Martin Dornes in seinem Aufsatz über »Die Modernisierung der Seele« an Forschungslinien an, die zum legitimen Repertoire einer kritischen psychoanalytisch orientierten Sozialwissenschaft gehört haben, sich seit einigen Jahren allerdings wachsender Kritik ausgesetzt sehen. Doch mit dem Generalverdacht gegen zeitdiagnostische Vermittlungsversuche sind die auch empirisch fundierten Befunde des Autors nicht abzutun. Die in seinem Aufsatz angesprochenen Fragen, Probleme und Hypothesen schienen der Redaktionskonferenz relevant genug, um einen Psychoanalytiker und eine psychoanalytisch orientierte Sozialwissenschaftlerin um Kommentare zu bitten.
Die Redaktionskonferenz
Zeitdiagnosen sind mutig, denn sie können sich nicht primär auf Vergangenes und dessen historische Ver- bzw. Bewertung stützen. Weder stehen ihnen Archive noch zeitgeschichtliche Vorarbeiten zur Verfügung. Stattdessen haben sie es mit einer Momentaufnahme zu tun, die auf die Zukunft hin offen und deshalb in ihrem weiteren Verlauf nur schwer vorherbestimmbar ist. In gewisser Weise ist man dabei auf Mutmaßungen angewiesen, deren Triftigkeit sich erst nachträglich erweist. Denn das Morgen kann immer mit Überraschungen aufwarten, die die Einschätzung des Heute nachhaltig in Frage stellen können.
Hinzu kommt die besondere Involviertheit des Diagnostikers in das zeitgenössische Geschehen, das er einer Diagnose unterzieht. Es gibt keinen zeitlichen Abstand zwischen Forschungssubjekt und Forschungsobjekt, der Forscher selbst ist von seinem Gegenstand mehr oder weniger direkt affiziert. Insofern spricht er immer auch von sich selbst. Schließlich geht es ja auch um seine Zeit und seine Geschichte. Obwohl dies aus streng wissenschaftlicher Sicht ein handfestes Problem darstellt, weil es dem Kriterium der Obje