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Versucht man Freuds Spätwerk als Teil der deutsch-jüdischen Literatur zu lesen, so rückt man es in einen unerwarteten, von seiner üblichen Deutung abweichenden Kontext. Ihr Autor selbst hat seinen Werken einen anderen Rahmen gegeben, und in ihn stellt er auch das Buch über Moses. Es sei, so würde Freud es bestimmen, der Psychoanalyse verpflichtet und stehe damit jenseits der Literatur. Denn die Psychoanalyse sei eine Wissenschaft: Im Gegensatz zur Literatur erfinde sie ihre Gegenstände nicht, sondern entdecke sie nur.
Unter dem Eindruck seiner dominanten und charismatischen Persönlichkeit akzeptierten Freuds Schüler diese Bestimmung, als er sie aussprach, und auch heute noch, ein Jahrhundert später, können sich viele ihr nicht entziehen. Aber sie stehen nicht mehr unter dem Einfluss des Lehrers, sondern unter dem Einfluss der Lehre. Die ungeheure Wirkung, die die Psychoanalyse in der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts gehabt hat, teilt sich ihnen noch immer mit, denn Ideen entfalten ihre Macht auch jenseits ihrer Erfinder.
Was hat der Psychoanalyse eine solche Macht verliehen? Es ist, so soll hier argumentiert werden, eine historische Entwicklung, die sich in drei Phasen unterteilen lässt. Mit den kulturellen und politischen Folgen der Renaissance und Reformation verlor das religiöse Paradigma, das Europas Mittelalter lange beherrscht hatte, seine Bindekraft; eine säkulare, vom Prinzip der Vernunft geleitete Zeit der Aufklärung setzte ein, die in der industriellen Revolution ihre schönsten Früchte zu tragen schien; doch dann zeigte sich die dialektische Seite dieser Aufklärung: Der Glaube an die menschliche Rationalität erwies sich als eine gefährliche Illusion, und am Ende des 19. Jahrhunderts gehörte Sigmund Freud zu einer weit gefächerten intellektuellen Elite, für die das Versprechen der Aufklärung in eine Sackgasse geraten war. Überall suchte man nach neuen Ansätzen, und die Psychoanalyse war Freuds persönliche, höchst erfolgreiche Antwort auf die Krise.