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Seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wächst in China erneut das Interesse an der Psychoanalyse und den von ihr abgeleiteten Therapieformen, an deren Vermittlung deutsche Psychoanalytiker wesentlich beteiligt sind. Dieses Interesse steht in Zusammenhang mit einem gewaltigen gesellschaftlichen Transformationsprozess seit dem Ende der Kulturrevolution 1976 und der Öffnung Chinas zum Westen. Jener hat den »realen Sozialismus chinesischer Prägung« umgewandelt in eine Gesellschaftform, in der die autoritär ausgeübte politische Macht weiterhin bei Partei und Regierung liegt, während ökonomische Entscheidungen an den Markt und neue Kapitaleigner übergegangen sind. Vor allem der Ab- und Umbau sozialer Sicherungssysteme verunsichert und überfordert viele Menschen. Ethnopsychoanalytische Gespräche mit chinesischen Psychiatern und Psychologen legen nahe, nun auch von einem Wandel des vorherrschenden Charaktertypus zu sprechen. Hatte die Generation, die als Kind oder Jugendliche die Wirren der Kulturrevolution mit erlebte, darauf noch mit einer Überbesetzung des familiären Leistungsideals reagiert, zeigen die in den Jahren des Umbruchs Geborenen eher Züge eines narzisstischen Charaktertyps, wie er heute weltweit in den städtischen Agglomerationen anzutreffen ist. Er hat die mögliche Trauer um die Leiden und Verluste der Vergangenheit abgestreift und passt sich der »Modernisierung« der Gesellschaft weitgehend problemlos an.