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»Geehrter Herr Kollege - Welche Überraschung! Zum Glück keine unerfreuliche. Sind Sie doch in Sicherheit bei guten Freunden und wieder arbeitslustig. Ihre Wünsche, daß Ihr großes Vaterland bald wieder aus seiner Krise erwachen möge, finden bei uns allen den stärksten Anklang.«
Mit diesen Worten beginnt im Februar 1921 der (bis 1929 anhaltende) Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Nikolaj J. Ossipow (1877-1934), wobei zwei Drittel aller Briefe aus den Jahren 1921-23 stammen. Als Übersetzer seiner Werke ins Russische kannte Freud Ossipow bereits seit dessen Besuch in Wien 1910 persönlich. Aus Rußland - wo er bis zuletzt auf den Sieg der »Weißen« gehofft hatte - über die Türkei nach Prag gelangt, gründete Ossipow hier eine neue psychoanalytische Gesellschaft, die dann aber erst beim Marienbader Kongreß 1936 - also nach Ossipows Tod - als IPV-Zweigvereinigung anerkannt wurde. Zu diesem Zeitpunkt gehörten ihr weitere Emigranten an, die nun aber nicht mehr aus Sowjet-Rußland, vielmehr aus HitlerDeutschland nach Prag gekommen waren (Otto Fenichel, Annie Reich u.a.).
Die Hoffnung, die Krise in Rußland möge bald vorüber sein, die Freud im Brief an Ossipow formuliert hatte, erfüllte sich nicht. Schon kurz nachdem sie ausgesprochen worden war, rebellierten in Kronstadt die Matrosen, die zur Avantgarde der Oktoberrevolution gehörten und nun Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit forderten. Die Rote Armee stellte im März 1921 die (Friedhofs-)Ruhe wieder her, wobei Tausende ihr Leben verloren. Im Hungerwinter 1921/22 starben dann noch einmal zwei Millionen an Unterernährung, nachdem bereits während des Bürgerkriegs 1917-20 acht Millionen Menschen umgekommen waren. Das Land war jetzt wüst und leer - und die Führer des Sowjetstaats suchten nach einem Neuen Menschen, der die Welt von gestern hinter sich lassen würde und die Welt von morgen aufbauen sollte.
Für diesen Umwandlungs- und Erziehungsprozeß schien die Psychoanalyse ein geeignetes Mittel zu sein. Und so reüssierte die (ins