You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Wolfgang Hildesheimer publizierte 1977 eine Biographie Mozarts, die ein tiefes Verständnis insbesondere für Mozarts Musik erkennen lässt. Kurt Eissler, seinerseits Autor einer psychoanalytischen Goethe-Biographie, schrieb anerkennende Briefe an Hildesheimer (H. Buchholz 2010). Hildesheimer verfasste (1981) eine weitere Biographie über einen Goethe-Zeitgenossen Marbot. Marbot freilich war fiktiv, es gab ihn nicht in der historischen Wirklichkeit. Hildesheimer verfügte souverän über Detailkenntnisse von Goethes Leben, Tagesdaten und Tageszeiten; Marbot hätte tatsächlich Goethe, Eckermann, Leopardi oder Lady Catherine e tutti quanti begegnen können. Darin steckte die gleichsam diabolische Freude eines Autors, der sich bald ins Schweigen zurückgezogen hatte, weil er klar gemacht hatte, dass man sogar über fiktive Personen subtile Biographien schreiben kann. Hildesheimer hat Freuds Satz »Die biographische Wahrheit ist nicht zu haben« mit Mitteln des literarischen Experiments elegant bestätigt.
Eine Biographie gibt nicht »die biographische Wahrheit«, sondern ein Bild. Im Falle Freuds gab es hagiographische Kathedralen, in denen waren die Teufel geschnitzt unter die Kirchenbänke verbannt. Jeder konnte lesend eintreten und an der Verehrung teilhaben. Einige entdeckten die kleinen Teufel und meinten nun, im lärmenden »Freud-Bashing« unten das wahre Wesen des oben Verehrten entdeckt zu haben.
Das ist Methode im Fall Onfray. Er behauptet, man könne sehr wohl eine wahre Freud-Biographie schreiben. Er kennt die Marbot-Erfahrung nicht, aber auch vieles andere nicht. Wer Peter Gay (1989) oder Risto Frieds (2003) sorgfältige Erarbeitung der Geschichte der Erinnerungsstörung auf der Akropolis, wer kritische Biographien (Breger 2000) gelesen hat, die Freuds Verhüllungsstrategien über seine frühen Jahre mehr als deutlich machen und dennoch seine Leistungen würdigen, wer Beschreibungen von Freuds letzten Lebensjahren (Edmundson 2009) kennt, wird aus Onfrays Buch nichts Neues erfahren. On