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Zu Beginn des Jahres versuchte der in München ansässige Knaus Verlag, ein die französischen Intellektuellen erregendes Buch nach Deutschland zu importieren - ohne besonderen Widerhall. Das 2010 bei Grasset publizierte Buch des viel gelesenen Philosophen Michel Onfray Le crepuscule d'une idole. L'affabulation freudienne erschien auf Deutsch unter dem Titel Anti Freud. Die Psychoanalyse wird entzaubert, ein Titel, der über das französische Original hinausgeht. Wurde dort die Entzauberung eines wissenschaftlichen Idols angekündigt und mit dem Begriff der »Affabulation« dessen Werk als große, aber unwahre Erzählung kritisiert, so wurde mit dem deutschen Titel zugleich eine ganze Wissenschaftsrichtung unter Verdacht gestellt.
Onfray will mit seinem Buch zugleich weniger und doch mehr: Weniger, weil er erst gar nicht glaubt, mehr tun zu müssen denn Sigmund Freud und dessen ganzes Werk als mythischen Ausdruck einer lebenslangen persönlichen Krise ohne weitergehenden Anspruch zu dekonstruieren; mehr, da er der Überzeugung ist, dass jeder Anspruch, aus diesem nur persönlich-biographisch verständlichen Werk heraus eine Wissenschaft begründen zu können, ob der Falschheit der Voraussetzungen fehlschlagen muss.
Onfray ist als Philosoph kein Wissenschaftstheoretiker - mit der Psychoanalyse als einer Wissenschaft, die sich in den letzten einhundert Jahren nach Sigmund Freuds ersten Werken verbreitet, differenziert und korrigiert hat, als einer Wissenschaft, die sich zumal im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts skrupulös ihres wissenschaftstheoretischen Standpunkts versichert und sich empirischer und experimenteller Überprüfung unterzogen hat, hat er sich - soweit aus diesem Buch ersichtlich - erst gar nicht auseinandergesetzt. Onfray selbst kennt nur einen positivistischen, empirisch-analytischen Begriff der Wissenschaft - alles andere ist ihm entweder Philosophie oder Mythos:
»Ein Mythos funktioniert qua Allegorie, qua mündl