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In diesem Aufsatz wird Jacques Lacans Behauptung aus seinem Seminar über die Ethik der Psychoanalyse, es gebe eine Filiation oder kulturelle Vaterschaft zwischen Luther und Freud bzw. zwischen Reformationstheologie und Freudo-Lacanscher Psychoanalyse, entfaltet und es wird analysiert, welche Probleme und Themenfelder hier von Lacan angesprochen werden. Der Autor zeigt, dass eine solche Verwandtschaft vor allem drei Aspekte betrifft, die alle Teil sind von Lacans umfassender Kritik an einer aristotelisch-thomistischen »hedonistischen« Ethik und deren Fortsetzung im Utilitarismus und in nach-freudschen Psychologien als einer Ethik im Dienste der Verwirklichung bürgerlicher Moral und gesellschaftlicher Ideale: (1) die Verneinung des Guten und die natürliche Neigung zur Anpassung an gesellschaftliche Strukturen und zum harmonischen Zusammenleben, (2) die Verkennung der »bösen« Natur der grundlegenden menschlichen Leidenschaften und die damit verbundene Dialektik von Gesetz und Begehren, und (3) die Unterscheidung zwischen einer individuellen und einer kollektiven Gewissensfunktion und dem skrupellosen Charakter des individuellen Gewissens.