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Wir brauchen viele Günther Anders. Wir brauchen auch Biographien. Vor allem solche wie die, die Raimund Bahr geschrieben hat: gut dokumentiert, ausreichend empathisch und ohne in Psychologisierung zu verfallen. Zwischen Biographiertem und Biographen besteht eine nüchterne Wahlverwandtschaft: beide ohne akademische Ketten, ohne doktrinäre Schulzugehörigkeit. Raimund Bahr sagt mit wissenschaftlicher Ehrlichkeit nicht nur: »Meine Arbeit sagt auch etwas über mich selbst aus«, sondern darüber hinaus: Das Werk von Günther Anders »half mir, mein eigenes Leben zu deuten, machte mir die Nutzlosigkeit meiner Existenz in einer von Maschinen und Waffen beherrschten Welt bewusst und gab mir gleichzeitig das Rüstzeug zum Weitermachen« (S. 9). Bahr sagt uns von Anfang an, »dass eine Beschäftigung mit Günther Anders automatisch eine eigene Standortbestimmung nach sich zieht« (S. 12).
Die biographische Arbeit gehört zu den »unmöglichen Berufen«. Der Analytiker betreibt biographische Arbeit in vivo (live), der Biograph in vitro. Ein guter Biograph - ebenso wie ein guter Analytiker - betreibt auch Kulturgeschichte. Psychoanalyse ist auch Literatur, und Literatur ist auch Psychoanalyse. Dank der guten alten europäischen Tradition des Tagebuch- und Briefeschreibens kann Raimund Bahr aus einer Menge Material schöpfen. Anders' Elternhaus war »das Haus der Tagebücher« (S. 33).
Günther Anders war der einzige Sohn eines liebenden, klugen und sanften Mütterchens (Clara Stern, geb. Josephy) (S. 47). Nichtsdestotrotz weisen seine Liebesverhältnisse tragische Elemente auf. Anscheinend ist die stärkste und innerlich dauerhafteste Verbindung die zu Hannah Arendt gewesen, der einstigen Geliebten Martin Heideggers. Heidegger war Günther Anders' akademischer Lehrer gewesen. Wie zu erwarten nahm der Schüler Günther Anders allmählich in jeder Hinsicht immer mehr Abstand von seinem früheren Professor. Immerhin wurde diese Triangulierung zu einem Schicksalsfaktor für sein Leben und Werk.
Bei Günther Anders