You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
»Wir sind im Besitz der Wahrheit« (Freud 1992g, Bd. I/2, S. 216). In diesem Satz, den Freud angesichts der anstehenden Auseinandersetzungen mit C.G. Jung und dessen Anhängern an Ferenczi schreibt, ist seine Überzeugung ausgedrückt, für die grundlegenden Entdeckungen der Psychoanalyse einen abschließenden Wahrheitsanspruch erheben zu können und alle bekämpfen zu müssen, die sich ihm widersetzen. Er sieht sich als Schöpfer eines Werkes, dessen Wahrheitskern unverfälscht zu lehren und zu überliefern ist, und zieht deshalb eine scharfe Trennlinie zwischen den standhaft bleibenden Getreuen, die sich nicht von dem eingeschlagenen Weg abbringen lassen, und den Abtrünnigen, denen er vorwirft, psychoanalytische Einsichten zu verleugnen, denen sie nicht gewachsen sind.
Auch Adler und Jung gehören zu denjenigen, mit denen er unerbittlich zu brechen sich gezwungen sieht, weil sie (für ihn) unverzichtbare Grundsätze der Psychoanalyse aufgegeben haben, sie dadurch verwässern und entstellen, um sie weniger anstößig zu machen. In seinem Bericht zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung (Freud 1914d) versucht er, ihr Ausscheren psychologisch verständlich zu machen. Er bietet eine charakterätiologische Erklärung für den Bruch mit ihnen an und schlägt damit einen Bogen von der Kritik an seinen Ansichten zu pathographischen Überlegungen. Seine Empfehlung, alle, die der Psychoanalyse widersprechen, zu behandeln wie Kranke (Freud 1965a, S. 67), ersetzt das dialogische Eingehen auf kritische Einwände durch das diagnostische Verfahren der Aufklärung ihrer subjektiven Beweggründe. Wer bestreitet, der leugnet. Freud unterstellt dies ohne Rücksicht auf den Wahrheitszirkel, in dem er sich damit bewegt. Er benutzt die Psychoanalyse als eine Paratheorie, in der »zu einem gegebenen Aussagensystem gleich die Erklärung dafür mitgeliefert wird, weshalb dieses System den Widerstand der Zeitgenossen auf sich ziehen muß« (Blumenberg 1975, S. 316). Auf diese Weise vermag er die Kritik an ihr, sowei