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Dieses Buch ist sicher von vielen angedacht, aber nur wenige haben den Mut, so etwas zu schreiben. Kann man über die chinesische Seele in Zeiten schreiben, in denen jeglicher Kulturessentialismus in Sozial- und Kulturwissenschaften skeptisch beäugt und eher dekonstruiert wird?
Doch dieser Beitrag, das sei gleich vorweg gesagt, ist gelungen und auch notwendig. Eine immer größere Zahl von Ausbildungs- und Fortbildungsprogrammen, begleitet von ausländischen Psychotherapeuten, unterstützen chinesische Institutionen bei der Etablierung von Psychotherapie in China. Antje Haag, die zwischen 1988 und 2008 als Dozentin und Supervisorin für psychoanalytisch orientierte Psychotherapie in China tätig war, legt nun ihren persönlichen Erfahrungsbericht vor, der durchaus auch als ein Beitrag zu einer psychoanalytischen Kultur- und Gesellschaftsanalyse gesehen werden kann. Haag hat das Ziel - auch wenn das durch die Worte Versuch und Eindrücke im Buchtitel wieder abgeschwächt wird -, nicht nur die Bedeutung einzelner geschichtlicher Etappen wie der Kulturrevolution zu diskutieren, sondern die kulturelle Matrix aufzuzeigen, in der sich Individuen in China heute verorten und an die sich Psychoanalyse in China anpassen müsste, um sich dort entfalten zu können. Dazu verarbeitet Haag eine Fülle kulturwissenschaftlicher und psychotherapeutischer Literatur, Fallvignetten von Patienten und Lebensgeschichten ihrer Schüler, aber auch ihre eigenen Erlebnisse als Lehrerin in China oder einfach nur als Fremde in chinesischen Alltagssituationen.
Das erste Kapitel steckt in einer makrosoziologischen Perspektive die Wahrnehmungs- und Identitätsmuster ab, die den Menschen in seiner Gemeinschaft strukturieren. Die Thesen zur Bedeutung von Grenzen, die Debatte um Scham und Gesicht und Autonomie sind größtenteils nicht neu, führen aber