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Von den letzten Texten Friedrich Nietzsches, besonders den sogenannten »Wahnsinnszetteln«, geht seit jeher große Faszination aus. Sie überschreiten die Grenze zum paranoiden und bis zur Selbstvergöttlichung größenwahnsinnigen Irresein. Aber sie tun das so bewegend, geradezu anrührend, und verzweifelt-komisch, dass den Leser wie einst den Zuschauer der griechischen Tragödie Mitleid und Schauder erfassen. Diese im Schriftbild frappierend klaren, im Unterschied zu den nachgelassenen Arbeits- und Notizheften geradezu mustergültig ordentlichen und problemlos lesbaren »Wahnsinnszettel« sind fragmentarische pseudonyme Briefe, die Nietzsche in atemloser Abfolge in der letzten Zeit vor seinem Zusammenbruch in Turin und in den ersten Tagen danach, von Ende Dezember 1888 bis zum 6. Januar 1889, an verschiedene Adressaten - ehemalige und gegenwärtige Freundinnen und Freunde, Kollegen, Schriftsteller, Musiker, einen Kardinal (Mariani), einen König (seinen »Sohn« Umberto von Italien) und die »erlauchten Polen« - gerichtet hat.
Neben dem lapidaren, manchmal auf das »N.« (wie Napoleon) verkürzten Namen »Nietzsche« hat er sie selbstmystifizierend zweimal als »Der Antichrist«, je einmal als »Nietzsche Cäsar« und »Nietzsche Dionysos«, achtmal als »Dionysos« und ebenfalls achtmal als »Der Gekreuzigte« unterzeichnet - bevor er mit seinem letzten langen Brief an den verehrten Kollegen und Freund Jacob Burckhardt zu jenem »Nietzsche« zurückkehrt, den es danach als solchen nur noch bedingt gibt.
Diese trotz ihrer offensichtlichen Bezüge zum späten Nietzsche irritierenden, nur schwer miteinander kompatiblen Signaturen geben etliche Rätsel auf. Das offensichtlichste liegt darin, wie sich »der Antichrist« und »Dionysos« mit dem »Gekreuzigten« zusammenreimen können, wenn der dezidiert heidnische, avant la lettre »antichristliche« Gott der dionysischen »Unschuld des Werdens« die Chiffre einer von Sünde und Schuld befreiten Wiedergewinnung des Lebens hienieden sein soll, »der Gekreuzigte« aber für