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Gerhard Schneider bietet eine kühne und facettenreiche Diskussion der zeitgeschichtlichen Stellung der Psychoanalyse. Der Grundgedanke ist dabei, dass die Psychoanalyse im letzten Jahrhundert ihre große Bedeutung dadurch gewonnen hat, dass sie auf die seelisch-kulturelle Situation des Verlustes des kulturellen Primärobjektes im 19. Jahrhundert konstruktiv antwortete. Damit ist der Bedeutungsverlust der Religion als zentraler Orientierung und Sinngeber gemeint, der von Nietzsche als »Tod Gottes« paradigmatisch ausgedrückt wurde. Diese Antwort bestand in einer Theorie des Individuums, bei der die Verinnerlichung des bis dahin projizierten Seelischen eine zentrale Bedeutung hatte, und einer gleichzeitigen therapeutischen Praxis zur Realisierung der neuen Identitätslage. Hierüber bot sie eine grundlegende Orientierung für die Fragen ihrer Zeit.
Um die Wende des 21. Jahrhunderts haben die Fragen der Zeit nach Schneider eine ganz andere Charakteristik. Schneider versucht diese als eine Orientierung in theoretischer Hinsicht an »Sukzession« und praktisch an der »Kontrolle von Abläufen« zu charakterisieren. Hierfür passe das Paradigma der kognitiv-behavioralen Therapie besser, bei der es um Planbarkeit, Objektivierbarkeit und Reparatur von Teilaspekten gehe. In Bezug auf diese Charakteristika wirke die Psychoanalyse mit ihrer Fokussierung auf die Selbsterforschung und das Individuum veraltet. Es stünden sich eine Orientierung an der Oberfläche und eine an der Tiefe gegenüber. Dem heutigen Zeitgeist gegenüber besitze aber die Psychoanalyse das Potential einer »spezifischen Unzeitgemäßheit« im Sinne eines kritischen Humanismus. Darin bestehe ihre Aktualität.
Wie angedeutet, gelingt Schneider durch die zeitkritische und psychohistorische Perspektive die Darstellung eines großen Zusammenhangs und eine Reflexion der zeitbedingten unterschiedlichen Rolle der Psychoanalyse. Das Problem besteht darin, dass er bei dieser Darstellung die Psychoanalyse als einheitliches durch Freud best