You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Der Streit um die Risiken und Gefahren der medizinisch nicht indizierten rituellen Genitalbeschneidung bei nicht einwilligungsfähigen kleinen Jungen wird seit langem international (Goldman 1997) und - ja - seit dem Kölner Urteil nun auch in Deutschland ausgetragen. Diese Diskussion ist offensichtlich notwendig, und die Beteiligten müssen sie heute nicht nur miteinander austragen, sondern auch gemeinsam aushalten.
Die Heftigkeit der Debatte um die männliche Genitalbeschneidung lässt auf tiefgreifende Ängste und Konflikte schließen. Wir brauchen deshalb einen behutsamen Dialog, in dem die Ängste und Verletzungen aller Beteiligten mit einfließen - auch die der betroffenen kleinen Jungen. Dies habe ich wiederholt in verschiedenen Zusammenhängen geäußert. Es ist verständlich, dass in der jüdischen und islamischen Kultur starke Ängste bestehen, auf die Beschneidung zu verzichten. Es ist genauso verständlich, dass säkulare Demokraten die Beschädigung einer freiheitlichen staatlichen Grundordnung durch anachronistische religiöse Machtansprüche befürchten. Die Beschneidung ist aus Sicht der Praktizierenden eine im transzendentalen wie im gruppalen Sinn identitätsstiftende Referenz, kein Trauma, sondern Vervollkommnung. Sie ist aus jüdischer Sicht für viele Betroffene sogar noch mehr. Sie ist angesichts ungeheurer Verbrechen, ausgeübt an jüdischen Menschen, für viele ein Überlebenszeichen. Ein Beweis für ein Weiterleben trotz umfassender Katastrophen. Dass aus jüdischer Sicht eine Kritik an der Beschneidung gerade auch in Deutschland angesichts der historischen Verstrickungen in Schuld und Verantwortung tatsächlich wie eine erneute Bedrohung erlebt werden kann, ist insofern nachvollziehbar. Hierfür - und das sei den Autoren der Glosse offen zugestanden - müssen vielleicht auch Beschneidungskritiker noch mehr Mitgefühl und Verständnis aufbringen. Die jüdischen Verteidiger des Beschneidungsrituales müssen vielleicht aber auch akzeptieren, dass sie keine exklusive Deutungshoheit