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Seit mehr als zehn Jahren hat Martin Dornes in immenser Fleißarbeit zusammen mit Kollegen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung Statistiken epidemiologischer Forschung gesichtet. Seine Befunde liegen jetzt vor. Dornes will zeithistorische Veränderungen überprüfen, die er als »Modernisierung« der Seele zusammenfasst und in einem postheroischen Identitätsprofil auszeichnet. Unter dem Titel »Sozialcharakter« hatte man sich einst mit dem »autoritären« oder »analen« Charakter befasst oder den Narzissmus des Neuen Sozialisationstyps beschrieben. Lange ist es her, dass die Psychoanalyse den »genitalen Charakter« als ihr Behandlungsziel feierte. An diese Tradition des Sozialcharakters knüpft Dornes indirekt an, aber er will nicht mehr die Verlautbarungen aus den Behandlungszimmern allein vernehmen. Im Behandlungszimmer kann sich »die Gesellschaft« nicht einfinden, sondern nur derjenige Teil, der an etwas leidet und den Mut zu solcher Behandlung aufbringt. Dornes fragt konsistent nach dem, was man außerdem noch über die Pathologien der Gesellschaft in Erfahrung bringen kann. Dazu nutzt er umfänglich die Bestände der empirischen, insbesondere der epidemiologischen Forschung. Er bestreitet nicht Behandlungsbedürftigkeiten. Aber epidemiologische Erhebungen zeichnen ein ganz anderes Bild von der gesellschaftlichen Entwicklung. Der Schluss vom Einzelfall auf »die« Gesellschaft ist ein methodischer Irrtum.
»Insgesamt ist wenig einsichtig, wieso die heutigen kulturellen Rahmenbedingungen für Kinder traumatischer sein sollen als die früheren. […] Ebenso wenig ist einsichtig, dass die frühkindlichen Primärbeziehungen sich breitenwirksam verschlechtert haben sollen. Im Lichte der Erziehungsliberalisierung und des gestiegenen Bildungsniveaus der Eltern ist die Sensibilität für kindliche Bedürfnisse gewachsen, so dass die Veränderung in den frühen Primärbeziehungen eine zum Guten ist […]. Außerdem spricht auch die Tatsache, dass die Anzahl der mit einem Jahr sicher an ihre Mutter