You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die australische Sozialpsychologin Susan Long nimmt in ihrem Buch eine psychoanalytisch orientierte Bestandsaufnahme der westlichen Gesellschaft und ihrer Institutionen vor und setzt sich damit an die jüngste Stelle einer langen Reihe psychoanalytisch-kulturdiagnostischer Untersuchungen. Während Freud die Kultur durch Triebverzicht charakterisiert sah, war sie bei durch zusätzliche Unterdrückung und repressive Entsublimierung und bei durch Narzissmus gekennzeichnet. Long fügt dieser Liste den Begriff der Perversion hinzu und postuliert einen Übergang von einer narzisstischen zu einer perversen Kultur. Ihr gesellschaftlicher Bezugspunkt ist der sog. Neoliberalismus. Diesen Ausdruck benutzt sie als Sammelbegriff für diverse wirtschaftliche, kulturelle, ideologische, politische Entwicklungen, wobei der Begriff Neoliberalismus an Trennschärfe verliert.
Es kann kein Zufall sein, dass dem von Long hervorgehobenen Übergang einer narzisstischen zu einer perversen Kultur ein entgegengesetzter Prozess in der psychoanalytischen Theorieentwicklung gegenübersteht: Dort hat sich der Begriff der Perversion in den letzten Jahrzehnten immer mehr dem Begriffsfeld des Narzissmus angenähert (z.B. bei Balint, Kernberg, Morgenthaler, Steiner). In dieser Bewegung erlebte der Perversionsbegriff eine erhebliche Erweiterung seines Bedeutungsumfangs und verlor dabei zunehmend seinen bei Freud noch im Mittelpunkt stehenden sexuellen Inhalt. Mit dem Adjektiv »pervers« beschreibt die klinische Psychoanalyse heute vor allem pathologische innere Objektbeziehungen, pathologische Abwehrorganisationen und Ich-Strukturen. Während die klassische Perversion als Triebschicksal, als Abbild infantiler Sexualität und Gegenbild der Neurose immer mehr aus der psychoanalytischen Diskussion gerät, erweitert sich die Bedeutung des Perversionsbegriffs auf Beziehungs- und Lebensstile. Mit Blick auf die erkenntnistheoretische Problematik einer Anwendung psychoanalytischer Begriffe auf soziologische Fragestellungen