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Vor hundert Jahren publizierte Sigmund Freud in seiner kulturanthropologischen Schrift Totem und Tabu seine Hypothese des Urmordes. Nach dieser Auffassung war der Ödipuskomplex als Kernkomplex der Neurosen der Schlüssel, um die Ursprünge der Kultur und der kulturellen Phänomene wie Religion, Moral und soziale Organisationen zu erklären und zu verstehen. Mit der These, Kultur entstehe aus einer bestimmten Familienkonstellation, brachte er auf zwiespältige Weise die Bedeutung und den Status der bürgerlichen Familie zum Ausdruck. Einerseits war diese Familie eine mittlerweile krisenreiche Institution, eine Brutstätte neurotischer Pathologien, die Freud auf die ambivalenten Gefühlseinstellungen der Kinder ihren Eltern gegenüber zurückführte und damit implizit verdeutlichte, dass die verschiedenen Positionen und Rollen innerhalb der bürgerlichen Familie nur allzu leicht ins Schwanken gebracht werden konnten. Andererseits wurde dem Beziehungsdreieck Vater-Mutter-Sohn als präkulturelles Modell einer genealogischen Konzeption, in der Heterosexualität und Reproduktion über die väterliche Autorität vermittelt werden, ein absoluter und überkultureller Status verliehen. Und obwohl Freud sich dessen bewusst war, dass die Vaterfunktion unsicher geworden war, bekräftigte er mit dem Ödipuskomplex den väterlichen Diskurs noch ein letztes Mal. Seither haben sich, bedingt durch die Trennung von Sexualität und Reproduktion und durch die Liberalisierung des Geschlechterverhältnisses, aus der bürgerlichen Kleinfamilie neue Beziehungskonstellationen und damit neue Formen der Nähe und Intimität entwickelt (z.B. in Patchwork-Familien).
Die Autoren des Bandes Nähe, Verbot, Ordnung widmen sich den Fragen nach zeitgenössischen genealogischen Verstrickungen, Konflikten und Praktiken und nach den Möglichkeiten einer integrativen psychoanalytischen Perspektive auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und die symbolischen Funktionen innerhalb der neuen Beziehungsmodelle. Jenseits des Ödipusk