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Eric Kandel hat der Wiener Moderne zwischen 1890 und 1918 eine umfassende Retrospektive gewidmet. Der in Wien geborene Hirnforscher und Medizinnobelpreisträger floh mit neun Jahren vor den Nationalsozialisten nach New York. In seinem Buch begibt er sich ins Wien der Jahrhundertwende, wo Künstler und Wissenschaftler mit der Erforschung des Unbewussten eine völlig neue Erkenntnisleistung vollbrachten, um von hier aus die Entwicklung der modernen Hirnforschung aus der »kognitiven Psychologie« Freuds nachzuzeichnen.
Das »Wien um 1900« war eine Epoche voller Brüche: Klimts Bruch mit der künstlerischen Vergangenheit war eine Reaktion auf die Etablierung der Fotokunst, die alle Bemühungen der Malerei, Abbildidentität herzustellen, übertraf. Mit der Rückwendung zur Flächigkeit und zu ornamentalen Motiven führte Klimt Symbole der Fruchtbarkeit in die Formensprache der modernen Malerei ein. Doch nicht nur die Malkunst war auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen: Der Schriftsteller Arthur Schnitzler brach mit den herkömmlichen Erzählmustern und etablierte den inneren Monolog in der österreichischen Literatur, ließ die Leser am Bewusstseinsstrom seines Leutnant Gustl teilnehmen und die widersprüchlichen, teils verworrenen Wege des Denkens nachvollziehbar werden. Freud wiederum brach mit der Neurologie, weil die krankmachenden Vorstellungen seiner hysterischen Patienten erkennbar nach einem psychologischen Verständnis verlangten. Damit veränderte Freud aber auch die Grundhaltung des forschenden Arztes, sofern er sich aufs Zuhören verlegte und in den Erzählungen der Patienten, in deren Träumen und Krankheitssymptomen nach Bedeutungszusammenhängen suchte. Kandel stellt überzeugend heraus, wie dieser Aufbruch in die Moderne von der Biologie und maßgeblich Darwins Evolutionslehre mitgetragen wurde, und weist auf weitere wichtige Übereinstimmungen hin: Freud, Schnitzler und Klimt stehen nicht nur für die Erkenntnis über das Wesen der menschlichen Triebe, sondern auch für die Hinwendu