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Der Leser nimmt ein neues Geschwister-Buch in die Hand und ist erstaunt zu erfahren, dass in der psychoanalytischen Literatur Geschwisterbeziehungen bis in die 1980er Jahre kaum eine Rolle spielten. Erst im Zuge des »intersubjective turn«, d.h. der Verlagerung des Interesses vom intrapsychischen Konflikt hin zu den Beziehungsschicksalen des sich entwickelnden Kindes und späteren Patienten, konnten auch Geschwisterbeziehungen in ihrer entwicklungspsychologischen
und eventuell pathogenen Relevanz gewürdigt werden. Das Buch basiert auf einer Dissertation der Autorin an der Universität Kassel im Fach Psychoanalytische Psychologie und verbindet die inhaltsanalytische Auswertung von 480 Akten von Patienten einer psychosomatischen Klinik (von denen allerdings nur 215 für Geschwisterdynamik relevante Daten enthielten) mit illustrierenden Einzelfalldarstellungen.
Während eine einfache Korrelation der Einflüsse der Geburtenfolge auf Persönlichkeitsentwicklung wenig Bedeutung hat, findet die Autorin »Merkmale wie Geschwisterposition und Geschwisterkonstellation zum Verständnis von Geschwisterbeziehungen durchaus relevant, wenn eine entwicklungspsychologische und psychodynamische Perspektive verfolgt wird« (S. 13). Dabei ist klar, dass Geschwisterbeziehungen nicht getrennt von der Beziehung zu den Primärobjekten und der Familiendynamik überhaupt zu sehen sind, die Autorin spricht von »Verschränkung« (S. 16) der Beziehungen, z.B. kann man die regressive Reaktion von ältesten Geschwistern auf die Geburt des nächsten sowohl als »Entthronung« (des Kronprinzen) als auch als Ausdruck von Trennungsangst verstehen, nämlich dass die Eltern sich von ihnen ab- und dem Nächsten zuwenden, und gegebenenfalls auch als Reaktion auf innere Konflikte der Eltern im Zusammenhang mit der entstandenen Zwei-Kind-Familie.
Nach einem kurzen Überblick über die frühe Psychoanalyse (Sigmund Freud, Anna Freud, am ehesten noch Alfred Adler) werden die neueren Ansätze kurz referiert; traumatisierende Einflüss