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Das Problem der Scham fristete, wie der Berliner Analytiker Jens L. Tiedemann treffend bemerkt, lange Zeit ein »Schattendasein« (S. 7). Die Scham wurde schon von Freud vernachlässigt und lediglich in Zusammenhang mit der Angst oder dem Ekel peripher erwähnt. Erst Erik H. Erikson und Léon Wurmser befreiten sie aus ihrem »Aschenbrödel«-Dasein (Auchter 2013, S. 41, in Anlehnung an Wurmser). Verdienstvolle Autoren wie Andrew P. Morrison, Melvin R. Lansky, Francis J. Broucek, Donald L. Nathanson, Micha Hilgers, Till Bastian u.a.m. trieben die psychoanalytische Erforschung der Scham voran. In einer sehr gelungenen »psychoanalytischen Einführung« in die mannigfaltigen »Gesichter der Scham« verweist Thomas Auchter neuerlich darauf, dass das Problem der Scham erst durch die Selbstpsychologie, die Narzissmusdiskussion, die Objektbeziehungstheorien sowie die Theorie des Intersubjektivismus zugänglich wurde (2013, S. 41).
Tiedemanns Buch bietet einen guten Überblick über die bisherige psychoanalytische Forschung zu diesem Thema und eine kompakte und lesenswerte Darstellung, die auf der Überzeugung von der »Zentralität« (S. 8) und der hohen theoretischen und klinischen Relevanz des Phänomens der Scham basiert. Scham kann »Handlungen hemmen« oder »emotionale Stagnation« verursachen (S. 7), sie ist »eine Hauptquelle für Widerstand, Kollusionen und problematische Übertragungs-Gegenübertragungs-Konstellationen im Sinne von »Enactments«« (S. 9). Für das Desinteresse der Psychoanalyse an der Scham führt Tiedemann folgende Gründe an: die jahrelange Vernachlässigung der Rolle der Bindungen und Beziehungen für die menschliche Entwicklung und dementsprechend der regulierenden Funktion der Scham sowie die Tatsache, »dass Scham einen nicht zu unterschätzenden unbewussten Druck auf Psychotherapeuten ausübt, der dazu verleitet, dieses zutiefst unangenehme und ansteckende Gefühl im klinischen Setting mit den Patientinnen und Patienten zu umgehen« (S. 20). Eine weitere mögliche Erklärung ist die